Spontaneität ist unsere Sache, Abenteuer unser Begehr. Verächtlich schauen wir auf die Feiglinge herab, die bereits im Dezember wissen, wo sie ihren Sommerurlaub verbringen. Gelassen greifen wir kurz vor Ferienbeginn zum Telephonhörer, um die mannigfaltigen Angebote der Reisebüros entgegenzunehmen. Wir sind die Spezialisten der Urlaubsorganisation in letzter Sekunde.

In aller Herrgottsfrühe schleppen wir uns drei Tage später mit schlafschweren Augen, einigen Koffern und dem sicheren Gefühl, etwas vergessen zu haben, zum Busbahnhof. Das Empfangskomitee steht schon bereit, wir werden von einem smarten Solariumgänger kurz gemustert, abgehakt und eingewiesen. Die Busse der Firma scheinen seit dem Phototermin für die Hochglanzanzeige etwas eingelaufen zu sein, statt in einem doppelstöckigen "Space-Liner" finden wir uns in einem bescheideneren Modell wieder.

Nach einem herzlichen "Ach ja – viel Sonne und so" läßt uns der Bräunling allein, die Fahrer steigen ein, und los geht’s. Über die Bordlautsprecher mit naßforschen Zoten berieselt, rollen wir gen Spanien, begleitet vom ewigen Rauschen der Magic-Water-Toilette. Jeder Besuch dieses Örtchens wird von aufmunternden Zurufen begleitet; die zumeist schamrote Rückkehr auf den Sitzplatz animiert zu interessierten Nachfragen wie: "Sag mal, hast du deine Unterhosen gewaschen oder was?" Uns beginnt zu dämmern, was mit "fast familiärem Charakter" im Reiseprospekt gemeint war.

Endlich die erste Pause – um "Punkt halb" sollen wir wieder am Bus sein. Der Frohsinn der Reisegruppe ist einer jungen Frau auf den Magen geschlagen, sie schafft es nicht, rechtzeitig zur Abfahrt wieder zurück zu sein und muß laut schreiend ein Stück hinterherlaufen. Unsere spiegelbebrillten Chauffeure, galanten Gesten niemals abgeneigt, sehen ihr diese Verfehlung noch einmal nach und lassen sie wieder zusteigen, was die Sünderin ihnen allerdings mit Undank vergilt und nicht aufhört, sie mit Gesprächsthemen wie "Verantwortung gegenüber dem Fahrgast" zu langweilen. Während für unsere kleine Herde die festgesetzte Abfahrtszeit göttlichem Gebot gleichkommt, gilt dies nicht für die Fahrer. Sie sind die einzigen, die erst dann mit dem Essen aufhören, wenn sie satt sind.

Bei der harmlosen Bemerkung zu Beginn unserer Reise, daß wir "unterwegs noch ’n paar Leutchen aufsammeln", hatte noch niemand zu hoffen gewagt, bisher unentdeckte Teile seiner Heimat kennenlernen zu dürfen. Über manchen Berg, durch manches Tal führt die Odyssee, gewürzt mit saftigen Flüchen, wenn "irgendwelche Idioten" nach mehrstündiger Verspätung nicht mehr an den Treffpunkten sind.

Kurz hinter der Grenze wird die businterne Kaffeemaschine aktiviert, weil "das französische Zeug kein Schwein trinken kann", wie wir durch das Mikrophon erfahren. Ein aromatischer Duft zieht vorbei, selbst die größten Stimmungsmuffel werden munter. Sie können nicht ahnen, daß das belebende Getränk exklusiv gebraut wird und eine schüchterne Frage nach einem halben Pappbecher voll einer persönlichen Beleidigung der Piloten gleichkommt.

Aber auch im Lande der Gourmets existieren Autobahnraststätten, an denen man sich des Nachts unter die wenigen hundert Fahrgäste anderer Firmen mischen darf, um mit fahlen Gesichtern um lauwarmen Kaffee und pappige Brötchen zu kämpfen, welche in den verbliebenen anderthalb Minuten bedächtig verzehrt werden.