Seit über 40 Jahren leben russische Patienten in der Wieslocher Psychiatrie

Von Ernst Klee

Wiesloch

Wiesloch. Ein alter Marktflecken nahe Heidelberg. Reste der Stadtmauer stehen noch. Am Rande des Städtchens die Psychiatrie, 1905 gegründet. Etwa 1200 Patienten sind hier konzentriert. Viele in schmucken Backsteinbauten, mit menschenleeren, eingezäunten Rasenstücken hinter dem Haus. Ich frage den Pförtner nach dem Weg zur Direktion. Er öffnet sein Fenster nicht, sondern sieht mir ins Gesicht, greift zu einem Telephonhörer und gibt mir durch die Scheibe telephonisch Auskunft.

Der geschäftsführende Direktor des Psychiatrischen Landeskrankenhauses, Dr. Hans-Dieter Middelhoff, hat unwirsch reagiert, als ich den Grund meines Kommens ankündigte: "Hat mal wieder einer an Gorbatschow geschrieben?" Es geht um die "Russen" in Wiesloch. Das sind – nach der Zahl der Aufnahmen – Ukrainer, Russen, Letten, Litauer und Esten. Keine homogene Gruppe also. Mehr als fünfzig Frauen und Männer leben noch, denen erst der Weltkrieg und dann der "kalte Krieg" zum Schicksal wurde: Es sind vorwiegend als Zwangsarbeiter Verschleppte oder ehemalige Kriegsgefangene, die in der Psychiatrie gefangen blieben. Nur jeder fünfte soll etwas Deutsch verstehen. Warum wurde nie ein Lehrer engagiert?

Die "Russen von Wiesloch" waren 1980 publizistisch entdeckt worden, sind aber längst wieder vergessen. Ein Artikel der alternativen Heidelberger Rundschau zog damals viele Journalisten ins Haus. Empörten sich die einen, die Deportierten sähen in einer Klapsmühle ihrem biologischen Ende entgegen, klagten andere die Sowjetunion an, die ihre kranken Staatsbürger in der Fremde lasse.

Von dieser Kontroverse geprägt ist auch eine Dissertation des Mediziners Franz Eduard Peschke ("Ausländische Patienten in Wiesloch 1939-1982"). Die bald 700 Seiten umfassende Arbeit polemisiert mitunter recht einfältig gegen die Kritiker der Wieslocher "Russenkolonie" und unterstellt ihnen zum Beispiel, "der Sowjetunion Material geliefert" zu haben.

Keine Rücksicht auf einzelne

In der Anstalt Wiesloch waren 1937 über 1500 Patienten untergebracht. Bei Kriegsende sind es nicht einmal mehr 450 Kranke. Eine willfährige Anstaltsleitung hatte zugesehen, wie ihre Pflegebefohlenen zu Hunderten der Nazi-Euthanasie zugeführt wurden (die sogenannten "geisteskranken Kriminellen" waren u. a. nach Auschwitz gekommen). In Wiesloch selbst wurden während der Nazi-Herrschaft behinderte Kinder umgebracht (daß im Einzelfall auch Erwachsene getötet wurden, haben Zeugen behauptet, gilt aber als nicht bewiesen). Eine Zeitlang ist in Wiesloch auch Euthanasie-Forschung betrieben worden.

In diese Einrichtung sind von 1940 an zunächst Polen, ab Ende 1941 auch Russen und Ukrainer als Kranke eingewiesen worden. Sie gehörten zu jenen Millionen Ausländern, die als Arbeitssklaven ins "Reich" geschafft wurden, Besonders die Russen und Polen hatten sehr zu leiden. "Wer lässig arbeitet", heißt es in einem Vermerk der Generalstaatsanwaltschaft Hamm über die Polen, "erhält Zwangsarbeit im Konzentrationslager."

Aufschlußreich sind die Symptome der während des Krieges in Wiesloch eingelieferten Ausländer: sie waren hochgradig erregt, hatten die Nahrung verweigert, weinten, erschienen ängstlich, fürchteten, sterben zu müssen und wurden deshalb als "Schizophrene" eingestuft. Doch es sind in erster Linie – dies hat Peschke in seiner Dissertation festgehalten Reaktionen von Menschen, die unter oft entsetzlichen Umständen deportiert worden waren.

In Wiesloch erwartete sie wenig Verständnis, wie ein Blick in eine Krankenakte zeigt: Es geht um eine 17jährige Polin, die drei Wochen vor ihrer Einweisung mit ihrer Schwester zusammen verschleppt worden war und bei einem Bauern arbeitete. Als das Mädchen auch noch vom Tod ihrer Mutter erfährt, reagiert sie mit einer Art Starrkrampf. Ein Wieslocher Medizinalrat nennt dies eine hysterische und abnorme Reaktion, "die hart an glatte Simulation grenzt". Als Motiv diagnostiziert er "fressende Wut über die ihr zudiktierte Zwangsarbeit". Unter der Rubrik "körperlicher Befund" notiert er: "aufrührerisches, freches Gesicht. Tadellose Bezahnung".

Als der Krieg vorbei ist, suchen die Amerikaner eine Unterkunft für verschleppte Personen ("Displaced Persons"), die psychiatrischer Behandlung bedürfen. So wird Februar 1947 auf dem Wieslocher Anstaltsgelände ein "Mental Hospital" eröffnet, das bald einer Hilfsorganisation der Uno, der International Refugee Organization (IRO), unterstellt wird. Bis Juli 1949 werden etwa 700 Menschen aus mehr als 20 Nationen aufgenommen (neben den bereits genannten vor allem Jugoslawen und Tschechen). Für die meisten ist Wiesloch eine Zwischenstation: sie werden wieder entlassen oder weiter verlegt. Die Rückkehr in die Heimat wird nur 94 Menschen vermittelt. Es sind in erster Linie Polen, Jugoslawen und Juden unterschiedlicher Nationalität, die in Israel eine Bleibe finden.

Die Situation im "Mental Hospital" muß mitunter alptraumhaft gewesen sein, denn niemand konnte sicher wissen, ob ein Eingewiesenen im KZ gesessen oder es bewacht hatte, ob er mit den Deutschen oder gegen sie gekämpft hatte. Die IRO-Patienten rekrutierten sich nämlich nicht nur aus echten Zwangsverschleppten oder Kriegsgefangenen. Auch sogenannte Hilfswillige (Hiwis) der deutschen Wehrmacht waren darunter. Ebenso Angehörige der Armee des 1946 in Moskau als Verräter hingerichteten Generals Wlassow (Wlassow hatte mit russischen Kriegsgefangenen gegen Stalin gekämpft). Zumindest einzelne hatten auch bei der SS mitgemacht. Es gab also genug in Wiesloch Untergebrachte, die eine Repatriierung fürchten mußten. Unter den gegebenen Umständen dürfte mancher lieber einen "Irren" markiert haben als ausgeliefert zu werden.

Die oft dürftigen Akten lassen ergreifende Einzelschicksale erahnen: Da ist eine Russin, die nach Hause will, weil sie (immer noch) "Stimmen" hört, die sie als "Russenschwein" beschimpfen. Eine Landsmännin hat das Weinen verlernt, nachdem Deutsche ihre Eltern erschossen und sie mit 13 Jahren verschleppt hatten, um in einer Munitionsfabrik zu arbeiten. Ein ehemals frommer Jude, der im Auschwitzer Krematorium die Leichen in die Öfen schieben mußte, ist nun selbst wegen seiner Brutalität gefürchtet. Von zwei Menschen ist so wenig bekannt, daß sie in den Akten jahrelang als "unbekannter Russe" geführt werden.

Auch nun, nach Kriegsende, dürfen die Entwurzelten nicht auf Verständnis bauen: "Schimpft auf Deitschen, die alles nix gut", heißt es gehässig-nachäffend in einer Krankengeschichte. Oder: "Kommt stets auf seine Aufenthalte in den KZ zu sprechen" – kein Thema? Über einen Polen, der Auschwitz hinter sich hat, ist zu lesen: "Im Lager angeblich wenig zu essen bekommen ..." Über einen Rumänen heißt es: "Seine Frau und zwei Kinder seien in Auschwitz ums Leben gekommen. Behauptet, er sei traurig gewesen, er habe immer über das Schicksal seiner Frau nachdenken müssen." Unfaßbar: "Behauptet, er sei traurig gewesen..."

1951 wird die IRO-Einrichtung aufgelöst. Die Verirrten und Verwirrten des Krieges – noch heute IRO-Patienten genannt – unterstehen nun dem badischen Irrenfürsorgegesetz. Internationale Hilfsorganisationen (darunter der Weltrat der Kirchen) übernehmen aus der Ferne Betreuungsfunktionen, vermitteln Patenschaften, schicken Pakete und Geld. Die deutschen Stellen betrachten die IRO-Patienten dagegen vorwiegend als lästigen Kostenfaktor.

Die IRO-Patienten werden als Verwaltungsmasse behandelt: Zunächst bestellt ihnen ein Verwaltungsgericht einen Verwaltungsbeamten des Krankenhauses als "Sammel-Pfleger". Dann tritt – so absurd das klingt – das Kreisjugendamt Heidelberg als Vormund erwachsener Patienten auf. Für einige Bewohner wird – kostensenkend – eine Rente erstritten.

Nur einmal, im Dezember 1956, sind vierzehn Menschen in die UdSSR repatriiert worden. Danach gelangen nur noch einzelne in die Heimat. So ein ehemaliger Kriegsgefangener, der durch die Vermittlung der sowjetischen Botschaft 1957 erstmals einen Brief von seiner Ehefrau erhält ("Ist es möglich, daß Du noch lebst?"). So 1970 noch einmal drei "Wieslocher", die noch eine Familie haben. Die Ost-West-Spaltung nimmt auf Einzelschicksale wenig Rücksicht. Die sowjetischen Stellen nicht, soweit das ersichtlich ist. Aber auch die deutschen Stellen offenbarten eine gespaltene Moral: sie bezichtigten die Sowjets, ihre Schwerkranken nicht aufnehmen zu wollen, dachten dabei aber weniger an die Kranken als an die Reduzierung der Unterbringungskosten.

Messe in ukrainischer Sprache

Die "vergessenen Russen" haben alle Formen psychiatrischer Behandlung erlitten. Manche mußten über hundert Elektroschocks über sich ergehen lassen. Andere hatten Gehirnoperationen zu überstehen. Auch die jahrzehntelange Medikamentierung mit hochwirksamen Psychopharmaka führt zu Dauerschäden. Und am Ende wurden sie als "Defektzustände", "harter Kern" oder besonders abfällig als "Ladenhüter" bezeichnet. Dabei ist nach vierzig Jahren Psychiatrie auch der Gesündeste "hospitalisiert", wie die Fachsprache sagt.

Die "Wieslocher Russen" sind heute im Durchschnitt siebzig Jahre alt. Die Frauen wohnen gemeinsam, auf einer "fakultativ offenen" Abteilung, wie mir eine Ärztin beschönigend sagt (es ist eine geschlossene Abteilung, die Patientinnen aufgeschlossen wird, die "raus" dürfen). Die Männer sind dagegen meist auf verschiedenen geschlossenen Stationen untergebracht. Männer und Frauen treffen nur selten zusammen: zu einem Fest einmal oder zur Messe in ukrainischer Sprache.

Oben auf dem Friedhof sind die Gräber der "Russen" an ihren einfachen weißen Holzkreuzen zu erkennen. Hier werden nur noch IRO-Patienten beerdigt. "Damit ist für die Zukunft", so Peschke in seiner Dissertation, "die Einheit der Patientengruppe gewahrt."

Für die noch Lebenden soll jetzt doch noch etwas geschehen: Zwei Beschäftigungstherapeutinnen waren bereits 1951 – aufgrund der Übernahme des "Mental Hospital" durch deutsche Stellen – entlassen worden. Erst dreißig Jahre später, im Februar 1981, wurde wieder ein Beschäftigungstherapeut eingestellt. Der Mann, aus der UdSSR stammend, nahm sich im selben Jahr noch das Leben. Nun erst, vierzig Jahre nach Kriegsende, hat die Klinikleitung endlich mehrere Therapiestellen durchsetzen können.

Als ich das Anstaltsgelände verlasse, passiere ich wieder den Pförtner, der nur per Telephon mit Passanten spricht. Ich muß daran denken, was mir der Direktor mit auf den Weg gegeben hat: Man solle die IRO-Patienten in Ruhe lassen. Wiesloch sei ihre Heimat geworden. Gewiß, verpflanzen kann man sie nicht mehr. Aber einfach vergessen sollte man sie auch nicht.