Die Gesellschaft für Strahlen- und Umweltforschung zog eine Zwischenbilanz der Strahlenbelastung

Von Günter Haaf

Die Bürde ihrer "wissenschaftlichen Bringschuld" lastete sichtlich auf den Experten. "Der Bürger kann nicht erwarten", sagte Hans Wolfgang Levi genau sechs Wochen nach Tschernobyl, "daß ihm die gebratenen Informationstauben in den Mund fliegen." Dann versuchte der Physikprofessor und wissenschaftlich-technische Geschäftsführer der "Gesellschaft für Strahlen- und Umweltforschung" in Neuherberg bei München, zusammen mit zehn Kollegen in einem eintägigen Seminar den Vorwurf der verwirrenden, unverständlichen und widersprüchlichen Information im Schatten der radioaktiven Wolke auszuräumen.

Der Zeitpunkt war für eine Zwischenbilanz nicht schlecht gewählt. Denn anderthalb Monate nach dem nuklearen Desaster in der Ukraine lagen genug Daten und Berechnungen vor, um eine ausreichend genaue Abschätzung des Strahlenrisikos für Bundesbürger nicht nur für die ersten Tage des fallouts, sondern auch für den Rest des Jahres, ja für den Rest unseres Lebens zu geben.

Extreme Positionen

Levi und seinen Leuten von der kurz GSF genannten Großforschungsanstalt war das Bedürfnis anzumerken, es weder den schrecklichen Verharmlosern noch den gar nicht so harmlosen Schreckenspropheten gleichzutun. Ein Vierteljahrhundert lang hatten die Neuherberger Experten experimentiert und theoretisiert. Nun, im Ernstfall, wollten sie ihr professionelles Können unter Beweis stellen, auch wenn sie dabei keine leichte Informationskost servieren oder gar Gleichklang mit beschwichtigenden Formeln von Bundes- und Landespolitikern herstellen konnten.

Das ging natürlich nicht ohne eine scheinbar widersprüchliche Bandbreite der Aussagen ab. Den einen Eckwert setzte ein Schaubild, wonach die Zufuhr an Radioaktivität durch den Reaktorunfall von Tschernobyl weit über jener aller Kernwaffenversuche zwischen 1954 und 1966 liegt: Die jüngste "Aktivitätszufuhr auf den Boden" des strahlenden Isotops Cäsium-137 in München übertrifft den Wert des Kernwaffen -fallouts um das Fünffache. Beim Strontium-90 beträgt die Reaktorunfall-Zufuhr zwar nur etwa ein Zehntel der Aktivität durch die damaligen Bombentests, aber die Aktivitätssumme beider Isotope liegt nach Tschernobyl mit knapp 25 000 Becquerel pro Quadratmeter gut dreimal über dem kombinierten Wert für den früheren fallout.