Die Angst der Weißen vor der schwarzen Vergeltung wächst

Von Allister Sparks

Johannesburg, im Juni

Es war drei Uhr morgens, als Rachel N. durch Klopfen an ihrer Haustür geweckt wurde. Sie war sehr beunruhigt, denn für jemanden, der in einem schwarzen Township in Südafrika wohnt, kann es nur Unheil bedeuten, wenn es frühmorgens an der Tür klopft. Das gilt besonders, wenn der eigene Ehemann auch noch in einer der schwarzen Gewerkschaften engagiert ist. Rachels Mann, Dennis, stieg aus dem Bett und ging verschlafen durch das kleine Sperrholzhaus zur Tür. Dort standen sechs Polizisten, warm eingepackt gegen die kühle südafrikanische Winternacht. "Sagen Sie Ihrer Frau auf Wiedersehen", befahl einer von ihnen barsch.

Bei Verhaftungen in Südafrika ist keine Zeit für Gefühle oder Abschiedszeremonien. Die Polizisten haben es eilig, möglichst viele in Gewahrsam zu nehmen, bevor sich die Nachricht von ihrer Aktion verbreitet und die Gesuchten in den Untergrund verschwinden. Der Beistand eines Rechtsanwalts oder andere langwierige Umstände sind nicht gefragt. Es gelten ganz besondere Regeln: Die Polizei kann ohne richterliche Vollmacht oder eine Anklageschrift durchsuchen und verhaften.

So blieb für Dennis N., einen Funktionär der Automobilgewerkschaft in Südafrikas Mini-Detroit Port Elizabeth, gerade noch Zeit, seiner Frau ein paar ermunternde Worte zuzuflüstern, den schlafenden Kindern die Wangen zu streicheln, den Mantel zu nehmen und zu gehen. "Ich habe keine Ahnung, wo er jetzt ist", sagte Rachel N. Anfang dieser Woche in ihrem Haus in dem Township Zwide.

Den Frauen, Ehemännern, Kindern, Verwandten und Freunden von mehr als 2000 anderen Verschwundenen ergeht es nicht besser. Seit sie mit Beginn des Ausnahmezustandes um Mitternacht am vergangenen Donnerstag abgeholt und in Gefängnisse überall im Land gesteckt wurden, fehlt jedes Lebenszeichen von ihnen.