Die Zusammenarbeit von Robert Wilson und Heiner Müller geht weiter: Nach den "Civil Ware" (Köln) und "Alkestis" (Cambridge) inszenierte Wilson jetzt die "Hamletmaschine" mit Undergraduate-Studenten an der New York University. Daß Wilson, der seit seinen Anfangen oft Laiendarsteller vorzog, nun mit ganz jungen Studenten arbeitet, überrascht weniger als das Resultat: Es ist seine strengste, schönste Inszenierung seit langem.

Der Bühnenraum des kleinen Universitätstheaters ist denkbar einfach: ein Rechteck, an dessen Schmalseite sich der Zuschauerraum anschließt. Die linke Längsseite ist mit einer weißen Leinwand bespannt, davor ein Zaun, ein Bäumchen gegen den Bühnenhintergrund. Die beiden anderen Seiten sind schwarz verhängt. Ganz im Vordergrund ein Kothaufen. In der Bühnenmitte steht ein langer Tisch parallel zur Rampe, davor sitzt eine Frau in einem Drehstuhl, mit dem Rücken zum Zuschauerraum. Sie hat langes, graues, abstehendes Kraushaar, aus dem gelegentlich Staub aufsteigt. Zu Beginn des Spiels kommen die anderen Schauspieler, setzen sich der Leinwand gegenüber – auf den Boden.

Müllers sechs Seiten langer Text besteht aus fünf Teilen. Wilsons zweieinhalbstündige Aufführung beginnt mit einem stummen Vorspiel, in dem er seine Landschaft umreißt, seine szenischen Zeichen langsam, eindringlich vorstellt.

Die Frau im Drehstuhl wendet sich den Zuschauern zu. Ihr Gesicht ist in einem stummen Schrei erstarrt. Ein Mädchen in kurzer Tunika geht zu dem Bäumchen, bleibt davor, ehe sie ihn berührt, in der Pose einer nicht zu Ende geführten Bewegung stehen. Drei gleich kostümierte Frauen, in Sommerkleidern der vierziger Jahre, setzen sich an den Tisch, die Stühle gegen die Leinwand gekippt. Hin und wieder kratzen sie sich mit dem Zeigefinger zierlich am Kopf. Ein junger Mann setzt sich ihnen gegenüber, schlägt seinen Kopf gelegentlich auf die Tischplatte. Ein Mädchen in weißem T-Shirt und schwarzen Tanzhosen durchquert den Raum, verharrt, mit dem Gesicht der Leinwand zugekehrt, in tänzerischer, anmutiger Pose. Ein lederbejackter junger Mann gesellt sich zu ihr. Ophelia und Hamlet? Ein athletischer Bursche läuft diagonal durch den Raum, erstarrt plötzlich in einer Arabeske. Eine Frau in samtenem Abendkleid steht auf, ihr folgt ein schwarz gekleideter Herr mit schwarzem Make-up und Zylinder, fast unsichtbar gegen die schwarzen Vorhänge – der Geist von Hamlets Vater? Ein in langen Abständen geschlagener Takt und die hin und wieder mit einem Finger auf dem Klavier gespielte Schlagermelodie "Is that all there is" betonen die befremdende Stille des sich langsam zusammenfügenden Bildes. Sobald die Komposition vollendet ist, löst sie sich auf.

Die Leinwand wird mit einem schwarzen Vorhang verdeckt. Die Darsteller öffnen den Vorhang vor der dem Zuschauerraum gegenüberliegenden Leinwand, stellen den Zaun, das Bäumchen davor auf, setzen sich vor die erste Zuschauerreihe. Der Text beginnt, zum Teil auf Tonhand, zum Teil von den Schauspielern gesprochen. "I was Hamlet." Die roten Schatten auf der Leinwand bemerkt man erst, als sie schon wieder am Verschwinden sind. "In back of me the ruins of Europe." Die Worte haben, auf englisch (in der Übersetzung Carl Webers) von einem jungen Amerikaner leidenschaftslos gesprochen, eine gespenstische Gegenwärtigkeit. "Hamlet"-Text und Regieanweisungen sind auf mehrere Darsteller aufgeteilt, werden mit emotionsloser Klarheit gesprochen.

"Then let me eat your heart, Ophelia, which weeps my tears" (Dann laß mich dein Herz essen, Ophelia, das meine Tränen weint), sagt Hamlet, damit ist dieses Bild vollendet, es löst sich auf, fügt sich vor der anderen Längsseite der Bühne zusammen. "I am Ophelia. The one the river didn’t keep. The woman dangling from the rope. The woman with the arteries cut open" (Ich bin Ophelia. Die der Fluß nicht behalten hat. Die Frau am Strick. Die Frau mit den aufgeschnittenen Pulsadern). Man bemerkt, daß die Frau vor dem Baum eine rote (Blut-)Spur um den Hals hat. Auf dem Klavier immer wieder leise "Is that all there is". Auch seltsame, kratzende Geräusche, die sich (noch) nicht identifizieren lassen. "I smash the tools of my captivity, the chair, the table, the bed ..." (Ich zerschlage die Werkzeuge meiner Gefangenschaft, den Stuhl, den Tisch, das Bett.. .) Die Männer geben furzende Laute von sich, einer lacht, schlägt den Kopf wuchtig auf den Tisch. Die Frauen wiederholen einige Ophelia-Sätze mit stereotypen Hollywood-Gesichtern, im Mae-West-Tonfall. Der seinen Kopf auf den Tisch schlägt, schluchzt, Ophelia lacht – endlos. Wenn sich der schwarze Mann (1) der Frau nähert, brechen die Frauen in ein ohrenbetäubendes, unerträglich langes Geschrei aus. Das Bild verschiebt sich zum viertenmal, nun befindet sich der Zuschauerraum an Stelle der Leinwand. Die Schauspieler setzen sich vor die hintere Bühnenwand. Diesmal aber senkt sich eine Leinwand vor sie, ihr Spiel wird auf Video-Film gezeigt, dazu als Untertitel der Text von einem Hamlet, der Frau sein möchte und sich Ophelias Kleider anzieht. Auf Tonband singt Jessye Norman Schuberts "Der Zwerg" – in deutscher Sprache.

Danach dreht sich die Szene zur Ausgangskonstellation. Die Darsteller vollziehen dieselben Bewegungen. "I am not Hamlet. I don’t take part anymore" (Ich bin nicht Hamlet. Ich spiele keine Rolle mehr). Die Worte werden nach wie vor ohne Emotion gesprochen. Ein Photo Heiner Müllers wird langsam zerrissen. Man erinnert sich: Ophelia sprach davon, die Bilder der Männer, die sie liebte, die sie gebraucht haben, zu zerreißen. Jetzt identifiziert man auch das kratzende Geräusch als Zerreißen.