Von Matthias Naß

Hannover, im Juni

Blaß und erschöpft saß Thea Dückert am Sonntagabend in dem kleinen Abgeordnetenbüro im Souterrain des Leineschlosses von Hannover. Die ersten Hochrechnungen lagen drei Stunden zurück, das Wahlergebnis hatte sich stabilisiert. Die 35 Jahre alte Spitzenkandidatin der Grünen bei der niedersächsischen Landtagswahl verbarg ihre Enttäuschung nicht. Acht Prozent hatte sie für ihre Partei vorhergesagt. Nun waren es nur 7,1 Prozent geworden. Deprimiert hockte die kleine grüne Truppe am Wahlabend in den Fraktionsräumen beisammen. Gegen neun Uhr packten die ersten ihre Sachen und machten sich auf den Heimweg.

Die Erwartungen, der Grünen waren groß gewesen. Lief nicht alles nach Wunsch? Die Bauern rebellierten gegen die Agrarpolitik und fragten nach Alternativen; die Bonner Regierung ließ ihren Ankündigungen in der Umweltpolitik selten Taten folgen; Ernst Albrecht hatte den niedersächsischen Verfassungsschutz in dunkler Nacht ein Loch in die Celler Gefängnismauer bomben lassen. Und dann Tschernobyl: Hatte das Reaktorunglück in der Ukraine nicht alle Warnungen vor der Unbeherrschbarkeit der Atomtechnik dramatisch bestätigt? Die Grünen, kein Zweifel, lagen im Wahlkampf gut im Wind. Alle Welt sagte ihnen einen kräftigen Stimmengewinn voraus. Das magere Plus von 0,6 Prozentpunkten kam da einer Niederlage gleich.

Helmut Lippelt vom niedersächsischen Landesvorstand forderte für sich am Montag das "Recht zu trauern", als die alte und neue Landtagsfraktion im Leineschloß zur Wahlkritik zusammenkam: "Eine selten sich bietende Chance ist vertan worden." Woran hat es gelegen, daß es zu mehr nicht reichte? Die niedersächsischen Grünen fanden vor allem drei Antworten.

Da war einmal die Bundesdelegiertenkonferenz zu Pfingsten in Hannover, die mit ihren realitätsfernen Beschlüssen mitten in den Wahlkampf hineinplatzte: Austritt aus der Nato, Abschaffung von Verfassungsschutz, Bereitschaftspolizei und Bundesgrenzschutz, ersatzlose Streichung des Paragraphen 218, grundlegende Reform des Strafvollzugs und der Drogengesetze. Auf die Nachricht, am Bauzaun in Wackersdorf habe es bei der Polizei Verletzte gegeben, applaudierten die Delegierten. Die Grünen lieferten dem politischen Gegner die Wahlkampfmunition frei Haus. Hannover zeigte, daß die Grünen aus der Wahlniederlage von Nordrhein-Westfalen im vergangenen Jahr keine Lehren gezogen hatten.

Zum zweiten machte die CDU in einer beispiellosen Propagandakampagne zum Ende des Wahlkampfes gegen die Grünen mobil. Als Leute, die "Kindermörder, Sexualstraftäter und Gewaltverbrecher frei herumlaufen lassen wollen", so faßt Thea Dückert die Angriffe zusammen, fühlten sich die Grünen verunglimpft. In katholischen Landstrichen sahen sich ihre Wahlkämpfer als Abtreibungsfanatiker angeprangert. Alte Ängste und Vorurteile wurden wieder wach. Nein, sie wollten die Bauern nicht enteignen, mußten die Grünen ein ums andere Mal hilflos versichern.