Von Roland Kirbach

Kopenhagen

Freitag, der Dreizehnte, ist ein herrlicher Tag für die Kopenhagener, der erste warme Sommertag in diesem Jahr. Die Sonne scheint von einem wolkenlosen blauen Himmel herab. Zu Hunderten lockt es Einheimische wie Touristen in die Fußgängerzone und auf die Plätze der Innenstadt. Während die Touristen sich in den teuren Gartenlokalen niederlassen, bringen die Kopenhagener ihr Bier selbst mit und setzen sich einfach aufs Kopfsteinpflaster. Bent, ein junger Maschinenarbeiter, hat sich heute freigenommen. Er zieht sein T-Shirt aus, legt seinen Kopf darauf und döst dem Abend entgegen.

Die Boulevardzeitung Ekstra Bladet verkündet, heute abend würde mit den "aufgeblasenen Deutschen" abgerechnet, die so lange auf dem dänischen "nationalen Fußballstolz herumgetrampelt" seien. Jahrelang hatten die Deutschen es nicht für nötig befunden, auch nur zu einem Freundschaftsspiel gegen die Dänen anzutreten. Aus ihrer Geringschätzung gegenüber dem Fußballzwerg im Norden hatten sie keinen Hehl gemacht. Heute abend, im Vorrunden-Abschlußspiel der Fußball-Weltmeisterschaft, werden beide Mannschaften aufeinandertreffen. Von einem "Prestige-Duell" ist allenthalben die Rede.

"Ach, das ist hauptsächlich der Sepp", sagt Bent und nimmt einen Schluck Pilsener. "Der Sepp", wie sie den deutschen Trainer ihrer Nationalmannschaft, Josef Piontek, alle nur nennen, "der Sepp" sei ja inzwischen "dänischer als die Dänen". Der habe den meisten Ehrgeiz, die Deutschen zu besiegen. "Von dem Spiel hängt doch nichts mehr ab", sagt der Student Sten, der bisher auf dem Boden zu schlafen schien und sich nun aufrichtet. "Ja, wenn wir die Deutschen noch aus dem World Cup rausschmeißen könnten ..." Sten lacht verschmitzt. "Trotzdem werden wir gewinnen", sagt er trocken, "mach’ dir nichts draus", und legt sich wieder hin. Alte Männer schleichen immer wieder um den Platz herum und stecken die leeren Flaschen hastig in Plastiktüten.

Im Strøget, Kopenhagens langer Fußgängerzone, blüht der Handel mit Devotionalien in den Landesfarben: rot-weiß gestreifte T-Shirts, Mützen, Hemden, ja sogar Sombreros. Kaum ein Schaufenster ohne WM-Emblem, Wimpel oder Photos der Nationalmannschaft. Die Dänen hat das Fußballfieber gepackt. "Das ist wie bei Euch der Boris-Becker-Boom", sagt der Sportredakteur Trier Hansen von der Zeitung Politiken, der auf den Namen der Heimatstadt seiner deutschen Vorfahren getauft wurde.

Zu verdanken sei dies "dem Sepp", meint Hansen. Der habe in den sieben Jahren, die er Nationaltrainer ist, die Mannschaft zu einem richtigen Team zusammengeschmiedet. Die meisten Spieler sind bei ausländischen Vereinen unter Vertrag; immer wenn sie früher zu Länderspielen nach Hause kamen, habe jeder einzelne zeigen wollen, wie gut er draußen fußballspielen gelernt habe. Dieser Mannschaft zuzusehen, sei kein Vergnügen gewesen, meint Trier Hansen: "Früher kamen die Zuschauer bei Länderspielen ins Stadion, um die ausländische Mannschaft zu sehen, nicht die dänische. Heute ist das umgekehrt." Heute sind die Spiele im Kopenhagener Stadion Idraetsparken bis zu einem Jahr im voraus ausverkauft.