Das Grauen hatte ein Maß: Vier Kilometer weit ragt die Halbinsel hinaus in die blaue See, vier Kilometer breit ist sie am Fuß jener schroffen, senkrechten Felswand, die sie vom Rest der Insel fast hermetisch abtrennt. 600 Meter hoch sind die Felsen, die einst für Tausende Elender einen Riegel setzte vor die eigenen Familien, vor Kinder und Mütter, Verwandte und Freunde. Die Halbinsel Kalaupapa war eine Leprakolonie. Sie ist es heute noch.

Im Jahr 1866 entschied König Kamehameha V.: Wer an Lepra erkrankt, wird auf die isolierte Halbinsel an der Nordküste von Molokai verbannt. Nur so, glaubten er und seine Zeitgenossen, sei ein weiteres Ausbreiten der ansteckenden tödlichen Krankheit zu vermeiden. Ein Urteil, das schlimmer war als eine Hinrichtung. Die Krankheit, die den Menschen verkrüppelt und schrecklich entstellt, nimmt alle Würde, alle Hoffnung. Die Kranken wurden aus ihren Familien gerissen und, mit einem Satz Kleider zum Wechseln versehen, auf der Halbinsel ausgesetzt. Kalaupapa war die Hölle. Schreckenswesen vegetierten in schmutzigen Laubhütten, jegliche soziale Ordnung war zerstört, mit Gewalt nahm sich jeder, was er wollte, bis ihn die Kräfte verließen und er seinem Ende entgegendämmerte.

Bis ein junger Priester diesem Terror ein Ende machte, der belgische Katholik Joseph de Veuster, genannt Pater Damien. Er ließ sich zu den Ausgestoßenen versetzen und begann, gleichermaßen für ihr körperliches wie für ihr seelisches Heil zu sorgen. Er wußte, es könnte ein Opfergang werden. Dennoch, er baute eine Kirche auf Kalaupapa, Häuser, eine Wasserstelle, eine Krankenstation, in der er zwar die Lepra nicht heilen, aber andere Leiden kurieren konnte. Allmählich entstand wieder eine Kommune unter den Todgeweihten. Pater Damien informierte die Welt über das Elend und zog bettelnd durch Hawaiis Städte, durch Lahaina und Honolulu. Man hatte Angst vor ihm, dem mahnenden Gottesmann, dem vielleicht verseuchten. Damien, der lästige Bittsteller, war nicht krank, als er dennoch endgültig auf seine Halbinsel verbannt wurde. Aber er sollte der Lepra nicht entkommen, 1889 starb er, jedoch in der Gewißheit, daß Glaubensbrüder und -schwestern seine Arbeit übernehmen würden. Damien ist ein Heiliger, heißt es auf Molokai, nur in Rom hat man das noch nicht gehört.

Kalaupapa ist heute ein US-Nationalpark, über 100 Leprakranke leben dort, aus eigenen Stücken und ohne Todesfurcht. In den vierziger Jahren wurden Heilmittel gegen den Aussatz entwickelt. Dennoch dauerte es noch bis 1969, ehe die Isolation offiziell aufgehoben wurde. Wer heute auf Kalaupapa lebt, ist freiwillig dort, in gesuchter Isolation, denn auf die Halbinsel darf nur, wer eingeladen ist oder wer im Mulitreck den steilen Pfad hinuntergeführt wird. Von diesem bescheidenen Touristengeschäft lebt die Kolonie. Am Fuß des Saumpfades werden die Besucher nach dem strapaziösen Ritt entlang des Abgrundes begrüßt und über die Halbinsel geführt, zur ersten Kirche, die Damien errichtete, und zu der zweiten Siedlung, die er statt der ungünstig gelegenen ersten errichten ließ, schließlich zu dem kleinen Krater, dem Kalaupapa seine Existenz verdankt und in dessen Mitte heute ein 244 Meter tiefer See ruht.

Für den Ritt, zu dem Kinder und Gebrechliche nicht zugelassen sind, muß man einen ganzen Tag ansetzen – viel zu lange für viele Touristen. Sie begnügen sich mit einem Blick vom Klippenrand hinunter auf die Halbinsel, im bequem erreichbaren Palaau State Park. Er birgt auch die zweite "große Sehenswürdigkeit" der Insel, den Kauleonana Hoa, einen Felsen in Phallusform, den einst die einheimischen Frauen nächtens mit Opfergaben aufsuchten, um Fruchtbarkeit zu erlangen. Derartige Steine gibt es zwar auch auf anderen hawaiianischen und polynesischen Inseln, aber dieser (von kundiger Hand etwas nachgebesserte) Fels ist besonders photogen und beliebte Kulisse entsprechend neckischer Aufnahmen.

Gedränge ist allerdings selten vor dem Symbol-Trumm; Gedränge ist überhaupt selten auf Molokai, denn die Insel (417 Quadratkilometer groß) liegt abseits der Touristenrennbahnen, obschon in Sichtweite von Mauis Metropole Lahaina und von Honolulu nur einen Luftsprung entfernt. Aber nur 0,2 Prozent aller Hawaii-Touristen besuchen Molokai, ergab eine Stichprobe 1983. Damals zählte Hawaii weniger als 4,4 Millionen Gäste, das wären etwa 9000 Molokai-Gäste im Jahr. Inzwischen sind es mehr, denn Sheraton betreibt an der Westküste ein schönes, in die Landschaft eingepaßtes Luxushotel im Bungalowstil; ein weiteres Hotel ist in unmittelbarer Nähe geplant. Es war Anlaß eines erbitterten Streits unter den rund 6200 Inselbewohnern, die ihre beschauliche Ruhe gefährdet sahen, andererseits aber dringend Jobs brauchten, seit die Dole Company ihre Ananas-Konservenfabrik schloß und nur noch Del Monte Molokais Pineapples in Dosen drückt. Wie lange noch, fragen sich die Molokaier angesichts der billigen Taiwan-Ananas. Von den Giraffen und Gazellen, die im Safaripark der Molokai-Ranch auf einstigen Ananasfeldern gezüchtet werden, kann die Insel so wenig leben wie von den Fischen, die an der weit in den Pazifik hinausragenden Mole angelandet werden.

Aber mehr Touristen bedeutet auch mehr Aufwand. Muß dann nicht die Straße in den Orten neu geteert werden? Schließlich führt sie zu einer der wenigen Attraktionen, die diese kleine, beschauliche Insel zu bieten hat, zu den Wasserfällen bei Halawa, einer außerordentlich schönen Meeresbucht. Schon die Zufahrt nach Halawa ist das Gehoppel über die streckenweise schlaglochperforierte Straße wert, sie führt vorbei an alten polynesischen Fischfangteichen, an erstarrten Lavaströmen, in denen sich die Wucht der Wogen schäumend bricht, und hoch hinauf auf grüne Klippen, auf denen die (wegen Tuberkulose von Notschlachtung bedrohten) Rinderherden weiden. Beim Dorf Kamelo steht an der Straße ein schmuckes weißes Holzkirchlein, von Pater Damien errichtet. Ein Denkmal erinnert an ihn, schlichter als das Damien-Monument vor dem Parlament in Honolulu, ein drittes Denkmal steht auf der Lepra-Halbinsel. Einige Kilometer weiter, bei Kaluaaha, baute Damien eine weitere Kirche, auch hier erinnert ein Standbild an den heute noch verehrten "Heiligen".