Von Irene Stratenwerth

Draußen auf der Wiese im Park sitzen Menschen, alte und junge, um eine Feuerstelle herum. Drachen steigen, Windräder drehen sich. Jeder soll auf einen Zettel schreiben, was ihn bedrückt und belastet. Die Zettel werden verbrannt, über dem Feuer füllt sich ein bunter Heißluftballon, der unter allgemeinem Jubel aufschwebt. Plötzlich tritt ein Mann ans Feuer, einen Luftballon in der Hand. "Wenn der zerplatzt, sind wir alle frei! Mahlzeit!" Die Hitze des Feuers zerstört den Ballon, der Mann wirft sich lachend auf die Erde.

Bilder von einem Fest im Allgemeinen Krankenhaus Ochsenzoll, der größten psychiatrischen Klinik Hamburgs. Gastgeber ist die "Kunstwerkstatt", ein Projekt, das im vergangenen Winter zum dritten Mal in einem ehemaligen Bettenhaus der Klinik stattfand.

Kunst? Unter dieser Überschrift hat alles zumindest begonnen. 1982 schuf der Bildhauer Siegfried Neuenhausen zusammen mit Patienten eine Reihe von Tonfiguren, die vor dem neueröffneten sozialtherapeutischen Zentrum aufgestellt wurden. Die Malerin Sabine Reiff, die dabei mitarbeitete, war "tief beeindruckt über die erstaunlichen Heilerfolge und die Trauer der Patienten, als die Arbeit abgeschlossen war". Sie sammelte Geld beim Bonner Kunstfonds und der Hamburger Kulturbehörde, fand zwei neue Kollegen und startete die zweite Kunstwerkstatt. Auch diese Werkstatt stellte unter Beweis, wozu psychisch Kranke in der Lage sind, wenn man ihnen Raum, Möglichkeiten und Anleitungen bietet. Und sie wollten auch ihre Umgebung auf sich aufmerksam machen: Gemeinsam geschaffene große, bunte Pappfiguren wurden in einem Umzug durch das Gelände getragen – eine Art Geistervertreibung mit Drachen, Vögeln, Fabelwesen und Musik.

Später entstanden großformatige Bilder, Bühnendekorationen für ein Theaterstück, das zum Abschluß vor etwa 200 Mitpatienten und Freunden gezeigt wurde. Nicht alles Kunst, sondern auch Klamauk und Chaos – doch wer von den zunächst reservierten Klinikmitarbeitern in die Kunstwerkstatt kam, staunte, zu welchen ausdrucksvollen Leistungen diejenigen in der Lage waren, die sie nur als Kranke kannten. Sabine Reiff: "Die Arbeit von Ärzten und Krankenschwestern spielt sich oft in so engen Grenzen ab, daß scheinbar keine Atempause bleibt, um zu erfahren, wer diese Leute eigentlich sind. Nach dem ersten Projekt haben wir einigen Leuten in der Klinik einen Videofilm über unsere Arbeit gezeigt. Mir fiel immer wieder auf, daß sofort gesagt wurde: ‚Ach sieh, ein Maniker, ganz klar manisch, wie der sich bewegt.‘ Es ist unglaublich, wie Begriffe und Gelerntes den Blick auf die Realität der Menschen verstellen können."

Als die Künstler dann die Arbeiten der Kunstwerkstatt vor einem Jahr in der Hamburger Kampnagelfabrik zusammen mit den Werken eines ähnlichen Projektes aus Florenz ausstellten, hatten sie es offenbar geschafft: Hunderte von Besuchern drängten sich zur Eröffnung, die Gesundheitssenatorin Christine Maring und der Klinikchef, Professor Klaus Böhme, zeigten sich stolz auf das Geschaffene, eine Finanzierung auf mehrere Jahre wurde zugesagt. Im Gedränge der Vernissage wirkten die Patienten freilich ein wenig verloren.

"Die dritte Kunstwerkstatt", sagt Sabine Reiff, "konnte es sich leisten, immer mehr ins Leben zu gehen." Sie selbst war nur noch als gelegentliche Besucherin dabei. Der Schauspieler Andy Leuze führte das Projekt weiter und fand drei neue Mitarbeiter. Es gehört zum Konzept der Kunstwerkstatt, keine festen Arbeitsplätze für Kunsttherapeuten zu schaffen, sondern immer wieder anderen Künstlern die Möglichkeit der Begegnung mit den Psychiatriepatienten zu bieten.