Art Basel’86

Die 17. Basler Kunstmesse annoncierte sich keß und selbstbewußt zugleich als „Vernissage of the Year“, eine angesichts der vom 28. Juni an folgenden Kunst-Biennale in Venedig etwas kühne Gratis-Behauptung. Und dennoch hatten die Basler auf ihre Kunstmarktweise recht: die Hochstimmung des Publikums, das schon zur Eröffnung die Messehalle fast stürmte und spontan auch teures Kunstgut kaufte, hielt bis zum fröhlichen Ende an. Dabei tummelten sich die älter gewordenen Wilden eigentlich nur noch auf der Sonderschau „Das Bild vom Ich“. Ansonsten herrschte Ruhe nach dem Sturm im Farbtopf. Ernst Beyeler, der große Basler Galerist mit dem ebenso großen Heimvorteil, der im letzten Jahr noch die Maler-Generationen kühn zusammenbrachte, machte in diesem Jahr aus seinem Stand gleich ein kleines Picasso-Museum. Etwas weniger museal und überraschender gerieten anderen Händlern ihre Rückgriffe: Hans Mayer (Düsseldorf) zeigte eine hervorragende Kollektion von Hans Arp, Bogislav von Wentzel (Köln) ein Ensemble der Drahtskulpturen des vor zwei Jahren verstorbenen Norbert Kricke. Einen Preis für das ästhetisch überzeugendste Kunstwerk zu vergeben, würde wohl kaum gelingen, wohl aber die Wahl des ansehnlichsten Galeristen, der natürlich eine Frau ist und Heike Curtze (Düsseldorf und Wien) heißt.

Revolte bei „Goskino“

Dreizehn Jahre mußte der russische Regisseur Eiern Klimow darauf warten, daß sein umstrittener Film „Agonie“ über Rasputin von der Zensur freigegeben wurde und in der Sowjetunion öffentlich aufgeführt werden konnte. Das staatliche Filmkomitee Goskino, hinter dessen verschlossenen Türen entschieden wird, wer was drehen darf und welche Filme ins Kino gelangen, spielte dabei wie so oft eine merkwürdige Rolle. Die Mächtigen in der Goskino verbieten nicht einfach. Sie helfen immer wieder unkonventionellen, abweichlerischen Projekten auf den Weg, stellen dafür üppige Budgets zur Verfügung, lassen in Freiheit arbeiten, um hinterher den fertigen Film für die Öffentlichkeit zu verbieten. Jetzt gab es im Verband der russischen Filmregisseure eine Revolte, die sich auch gegen die Diktatur von Goskino richtete, und die Rebellen, im Augenblick mit einer Zweidrittelübermacht, machten Klimow zum neuen Chef des Verbands. Erstes Versprechen Klimows: die Archive von Goskino zu öffnen – ungeahnte Schätze sowjetischer Filmkunst sollen dort lagern.

Marcel Werner

Ein langer, dürrer, schräger Mensch, immer bekümmert und deshalb (wir sind auf dem Theater) immer auch ein wenig komisch. Er spielte nicht die erobernden Jünglinge, sondern die Pechvögel und Unglücksraben, aber er spielte sie ganz ohne Wehleid, mit einer zarten Schärfe; zwischen Grazie und Ungeschick, Tragik und Slapstick balancierend, taumelnd, stolpernd. In Peter Zadeks wüstem „Othello“ hat er einen unübersehbar leisen Cassio gespielt, und Rudolf Noelte wollte mit ihm den „Hamlet“ machen, wozu es nicht gekommen ist. In Noeltes Hamburger „Michael Kramer“ (1983) spielte er des stolzen Künstlervaters unglückseligen Sohn Arnold, und das war auch (in vollkommener Dezenz) eine autobiographische Skizze – Bildnis eines Sonderlings, zu schwach, zu siegen, zu stolz, sich helfen zu lassen. Er hätte einer unserer „großen“ Schauspieler werden können, aber das hat ihn vermutlich nicht besonders interessiert – gegen den Drang zur Selbstzerstörung hatte die Lust zur Selbstdarstellung am Ende keine Chance mehr. In der vergangenen Woche ist der Schauspieler Marcel Werner in Hannover gestorben, er wurde 34 Jahre alt.

Telephon-Terror

Fast jede Nacht läutet das Telephon. Schlaftrunken hebt der Mann den Hörer ans Ohr – und hört – vom Tonband – einen eigenen Text. Die fremde Stimme liest das Ende einer Erzählung, die der Angerufene geschrieben hat: „... und brüllt noch, als sie auf ihn einschlagen, alle ... auf ihn einschlagen, und so lange auf ihn einschlagen, wie er sein Lachbrüllen brüllt... und noch etwas länger auf ihn einschlagen ...“ Wer schlägt da mit dem Telephon auf einen Verfolgten ein, dem nicht zum Lachen, nur noch zum Brüllen zumute ist? Wer hört das Brüllen? Dem 1952 geborenen Deutsch-Rumänen Ernest Wichner, der ausreisen durfte und zur Zeit mittellos in West-Berlin lebt, verlangt die Polizei hundert Mark ab, ehe sie eine Fangschaltung genehmigt. Nein, niemand sagt, Ceauşescus berüchtigter Geheimdienst erlaube sich da einen makabren Literatur-Scherz. Aber nachdem der gleichaltrige deutsch-rumänische Schriftsteller Rolf Bossert, im Februar 1986, unter bis heute ungeklärten Umständen („Fenstersturz“) in Frankfurt gestorben ist, sollte die Berliner Polizei, die so viele Menschen observiert, diesem Dichter Schutz nicht versagen.