Verfall des Diktators

Die amerikanischen Luftangriffe auf sein Land haben Muammar al-Ghaddafi offensichtlich völlig aus dem seelischen Gleichgewicht gebracht. Seit Wochen mehren sich, die Nachrichten über den physischen und psychischen Verfall des libyschen Diktators. Inzwischen scheint er, wie die Sunday Times meldet, nicht mehr in der Lage zu sein, seinen offiziellen Pflichten nachzukommen. So fehlte der Oberst, trotz Ankündigung, in der vergangenen Woche bei einer Massenkundgebung zur Erinnerung an seine Machtergreifung. Statt dessen mußte Ghaddafi in seinem Wüstendomizil von einem Spezialisten für Psychopharmaka behandelt werden.

Diplomatischer Niederschlag

Nur widerwillig hat die sowjetische Regierung einer Forderung des Washingtoner State Department zugestimmt. Moskau läßt ein amerikanisches Ärzteteam in die Ukraine reisen, das in Kiew prüfen soll, wie gefährlich ein längerer Aufenthalt in der ukrainischen Hauptstadt für Amerikaner wäre. Die Vereinigten Staaten wollen hier demnächst ein neues Konsulat eröffnen – 80 Kilometer Luftlinie vom Katastrophenort Tschernobyl entfernt. Da die amerikanische Regierung ihre Bürger vor einiger Zeit aufgefordert hat, aus Rücksicht auf ihre Gesundheit nicht nach Kiew zu reisen, kann sie jetzt nicht ohne weiteres Diplomaten am Dnjepr stationieren. Die Sowjets freilich sträuben sich gegen die ärztlichen Inspektoren: Bevor die Mediziner ihre Visa erhalten, verlangt die Sowjetunion genaue Auskunft über ihre Vorhaben.

Arme Soldaten

Die größte Armee der Welt leidet. Da Chinas Volksbefreiungsarmee mit dem Boom der zivilen Wirtschaft nicht mithält, wollen immer mehr junge Chinesen sich vor der Wehrpflicht drücken. Soldaten, alte wie junge, sind von Familie und Freunden isoliert, haben keine Zeit für Nebenjobs – und finden keine Freundin. "Als wir das Wort ‚Freundin‘ erwähnten, schüttelten ganz viele Soldaten den Kopf", berichtet die Monatszeitschrift Leben in der Volksbefreiungsarmee aus einer Kaserne. Den Sold der drei Millionen Soldaten – derzeit ein Siebtel des normalen chinesischen Industriearbeiterlohns – attraktiver zu machen, wird Peking sehr viel Geld kosten. Und das neue chinesische Sprichwort wird so schnell nicht verschwinden: "Soldat sein, heißt Verluste erleiden."

Abschreckung ist ungesund

Ein Gewehr im Hause wird mit größerer Wahrscheinlichkeit einen Hausbewohner töten als einen Eindringling. Das ergab eine Studie in der Gegend um die amerikanische Stadt Seattle am Pazifik. Acht von zehn Toten, die einer Schußwaffe dort erlagen, wo sie gewöhnlich aufbewahrt wird, waren Selbstmörder, jeder Zehnte starb von Hand eines Freundes oder Verwandten, drei Prozent starben durch einen Unfall, und nur zwei von 398 Toten waren widerrechtliche Eindringlinge. "Die meisten Hausbewohner täten wohl besser daran, keine Schußwaffe zu ihrem Schutz anzuschaffen", meint der Autor der Untersuchung, ein Professor von der Universität von Tennessee: Die Schwiegermutter oder der Pokerpartner könnten auf dumme Gedanken kommen. Die bedeutende Studie wurde übrigens im New England Journal of Medicine veröffentlicht, einer der weltweit angesehensten medizinischen Fachzeitschriften.