Sie gehört zu den "Trümmerfrauen" und hat auch nichts dagegen, wenn man sie eine alte Frau nennt. Dunkelblond war sie. Ihren Nackenknust schnitt sie sich im März 1945 ab. Und sie gesteht, vor Hitler einmal in den Straßenstaub gefallen zu sein; die Frauen hinter ihr hatten sich immer weiter vorgedrängt, und sie stand ganz vorn und rutschte aus. Anna heißt sie mit Vornamen, hört aber lieber auf Anne, weil das weicher klingt. Ob Adolf Hitler für die Frauen damals der Mann war, der alles in einem gewesen ist? Sie sagte: "So im Hinterkopf bestimmt." In der NSDAP war sie nicht. Ihr Mann trat 1936 ein und meinte, das genüge, denn er denke und fühle für sie mit. Sie raucht und trinkt auch heute noch nicht, und cremt sich ihr Gesicht nur ein, besonders im Sommer.

Die Geburt ihres ersten Sohnes kündigte ihr Mann in einer Anzeige an. Darin stand, daß Anna dem Führer einen Sohn geschenkt habe. Anna wollte noch einen Sohn haben, ihr Mann kam aber nicht auf Urlaub. Er fiel bei einer Frontbegradigung. Und in der Todesanzeige stand: "In stolzer Trauer. Anna Seibold und Sohn." Die Front rückte danach immer näher, und der Luftschutzbunker kriegte außer Bomben auch Granaten ab. Da verpackte Anna ihren Sohn in den Kinderwagen und nahm die warme Unterwäsche mit und die Bettwäsche aus Leinen und genug Watte. Bei einem Bauern tranken sie zu fette Milch und hatten kein Mittel gegen Durchfall. Und weiter im Westen kümmerte sich Anna dann um einen Leichtverwundeten, der nach einem Tieffliegerangriff auf einen Lazarettzug versucht hatte wegzulaufen.

Eineinhalb Jahre später bekam sie ein Kind von ihm. Es war eine Tochter, und er fand als Turn- und Zeichenlehrer wieder eine Mittelschule, und sie wurde aushilfsweise Handarbeitslehrerin. "Wir heirateten vier Wochen nach dem Verkehr", sagte sie. "Mein Mann war kurz vor der Eintrittssperre noch in die Partei eingetreten. Ich sollte ihm nach unserer Tochter noch einen Sohn schenken. ‚Schenken‘, das sagte man kurz nach dem Krieg ja auch noch."

Beide wählten Konrad Adenauer, für Anne war er ein richtiges Großvaterwunder. Über andere Politiker konnte sie nie mehr so lange nachdenken. Zwei Töchter brachte sie dann noch zur Welt. Ihr zweiter Mann war über ein Jahr bettlägerig und starb langsam. Sie hatte ihn bei sich zu Hause und saß an seinem Bett. Und nun sorgt sie dafür, daß ihre Kinder sie nicht zu oft bedauern, und wenn sie hört, daß Frauen auf dem Vormarsch sind, denkt sie zurück und bekommt es mit der Angst. Mehr Frauen an die Macht? Anna, sprich Anne, weiß schon lange Bescheid über Frauen und Männer und ist für Frauen, die wissen, was sie können, und die Männer das spüren lassen, wie Krankenschwestern auf dem Bettrand, und möchte auch an Dauerglück und ewigen Frieden glauben. Aber sie weiß ja, wie das mit dem Glauben so ist, bei jedem, letzten Endes...