Von Carl-Christian Kaiser

Nürnberg, im Juni

Gehört Wackersdorf noch zu Bayern? Was schon bei den Ureinwohnern im südlichen Teil des Freistaats historischen und womöglich sogar geographischen Zweifeln ausgesetzt sein mag, wurde auf dem Nürnberger CSU-Parteitag am vergangenen Wochenende für Zugereiste erst recht zur Preisfrage. Denn von der nuklearen Wiederaufarbeitungsanlage in der Oberpfalz war auf dem Treffen oft nur in derart abstrakten Umschreibungen die Rede, daß man meinen konnte, die bayerische Haupt- und Staatspartei zähle den zum Symbol gewordenen Ort gar niqht zu ihrem Herrschaftsbereich und scheue sich auch, seine geplante Funktion im Kreislauf der Atomwirtschaft beim richtigen Namen zu nennen.

Das wirkte um so merkwürdiger, als eine der größten Hallen des Nürnberger Messezentrums nötig war, um den Arbeitskreis über technischen Fortschritt und Umweltschutz unterzubringen. Dorthin wandten sich die mit Abstand meisten Delegierten, und dort wurde auch noch geredet, als sich die anderen Arbeitskreise schon aufgelöst hatten. Freilich, bloß geredet, nicht diskutiert – denn auf dem Podium saßen nur CSU-Notabeln und Sachverständige, die sich ganz offenkundig vorgenommen hatten, Ängsten nach Tschernobyl und Einwänden gegen Wackersdorf zwar einigen verbalen Tribut zu zollen, im übrigen aber zweckmäßige Rationalität nach ihrer Fasson zu predigen und Widersachern, wenn möglich, kopflose Übertreibungen anzukreiden.

Solche Widersacher gab es im Saal jedoch kaum, sondern nur höfliche Frager und Stichwortgeber. Allenfalls ein paar jüngere Leute brachten, vorsichtig und stockend, ein wenig Kritik vor, bei deren Beantwortung der Podiumsprominenz zuweilen anzumerken war, wie schwer es ihr fiel, sich angesichts solcher Emotionen und Unvernunft zu zügeln. Und als allein ein Delegierter aus Schwandorf, also aus der unmittelbaren Wackersdorfer Nachbarschaft, bemängelte, daß die Wiederaufarbeitungsanlage in der vorgeschlagenen Parteitagsentschließung zur Kernenergie nicht einmal vorkomme, wurde formlos eine kleine Ergänzung eingefügt, die das Petitum nach bestmöglicher Sicherheit der Atomtechnologie unter anderem um das Stichwort "Entsorgung" anreicherte. Entsorgung: das meinte Wackersdorf. So abstrakt ging es in Nürnberg zu.

Zwar verlangt der vom CSU-Vorstand eingebrachte Dringlichkeitsantrag, der dann vom Plenum, auch das ein Charakteristikum, ohne weiteres Aufheben verabschiedet wurde, besonderen Nachdruck bei der Erforschung und Erschließung neuer und umweltfreundlicher Energiequellen, desgleichen größere Effektivität der jetzt eingesetzten Energien, um nicht immer neue Kraftwerke entstehen zu lassen. Und natürlich geht es um die Erhöhung der Sicherheitsstandards. Aber wer, so heißt es auch, dem Ausstieg aus der Kernenergie ohne realisierbare Alternativen das Wort rede, "weiß entweder nicht, wovon er spricht, oder er belügt die Öffentlichkeit". Andersmeinende kann sich die CSU nur als dumm oder bösartig vorstellen.

Mit einer solchen Mischung aus Härte und Flexibilität können sich indes alle in der Partei befreunden – auch Erich Kiesl, der ehemalige Münchner Oberbürgermeister, nun um ein politisches Comeback bemüht, der Franz Josef Strauß in einem Brief beschworen hatte, die "geradezu existentielle Angst vor der Kernenergie und der Wiederaufbereitungsanlage" ernst zu nehmen und der von der Reaktion der CSU-Funktionäre darauf berichtet, sie sei "furchtbar" gewesen, zumal auf seinen Vorschlag, wegen Wackersdorf eine "gewisse Denkpause" einzulegen. Ebenso hält Erich Riedl, Bonner Abgeordneter der CSU und dort als stellvertretender Vorsitzender des Haushaltsausschusses ein mächtiger Mann, bisher ähnlichen Sinnes wie Kiesl, die Entschließung für "sehr geschickt".