Von Theo Sommer

Der Jeep der Nationalen Volksarmee wartet an der regennassen Autobahnabfahrt Lehnitz-Oranienburg, fünfzig Kilometer nördlich von Berlin. Ein strammer junger Offizier meldet sich als Lotse zur Kaserne des Rudolf-Gyptner-Regiments. Die Unterkünfte sind ziemlich neu und wirken wie blank gewienert. Der Parkplatz gleich hinter dem Kasernentor steht leer. Vom Dienstbetrieb ist nichts zu sehen; er scheint sich anderswo abzuspielen.

Unsere Fahrzeugkolonne hält vor dem Klubgebäude des Lehnitzer Artillerieregiments. Fünf Obristen und Oberstleutnante empfangen mich in freundlicher Befangenheit; ein Gefühl, das ich durchaus teile. Sie wissen, daß ich einmal Leiter des Planungsstabes im Bundesministerium der Verteidigung war; ich weiß, daß ich der erste westdeutsche Journalist bin, den die Volksarmee ganz offiziell zu sich gelassen hat. Die Herren stellen sich vor, ehe wir ins Traditionszimmer hinaufgehen: stellvertretender Divisionskommandeur; Parteisekretär; Leiter der Politabteilung; ein grauhaariger Haudegen, der von Anfang an – seit dreißig Jahren – dabei ist. Auch Oberst Jochen Michel ist gekommen, der Sprecher des Verteidigungsministeriums. Er hat eine Sekretärin dabei, die das Gespräch mitstenographiert. Der Regimentskommandeur, ein schlanker, nachdenklicher Typ, heißt Aré-Lallement.

Wären da nicht die hellgrauen Uniformblusen, die Schulterstücke der Wehrmacht, die uns Westdeutschen sehr fremd geworden sind, die unvertrauten Orden und Ehrenzeichen, ich hätte mir leicht einbilden können, ich wäre bei der Bundeswehr in Neumünster oder Sigmaringen. Ich erkannte sie jedenfalls alle wieder: den knochenharten Troupier, den Schreibtischoffizier, den Intellektuellen, den Verantwortlichen für die Innere Führung, pardon: für die Politabteilung. Militär ist überall Militär, Soldaten sind Soldaten. Und Traditionszimmer sind Traditionszimmer. Fahnen und Wimpel; Modelle von Waffen und Kriegsgerät; Vitrinen mit Pokalen, Erinnerungsstücken, Urkunden, Photos von Manövern und Verbündeten.

Nur daß es im Falle des Regiments in Lehnitz andere Verbündete sind: nicht Amerikaner, sondern Sowjets, nicht eine belgische Brigade, sondern das Warschauer Artillerieregiment. Und daß, natürlich, eine andere Tradition gepflegt wird. Scharnhorst und Gneisenau, gewiß, aber sonst nichts von Preußens Gloria, nichts aus der Zeit der Reichswehr, erst recht nichts aus Hitlers Wehrmacht. Orden aus dem Zweiten Weltkrieg; "Die haben wir noch nie getragen", sagt Oberstleutnant Hill, der Mann der ersten Stunde. "Auch nicht ohne Hakenkreuz?" – "Noch nie!"

Der Regimentskommandeur Are-Lallement hat, zwischen Kaffeegeschirr und Gebäckteller, Notizen zur Traditionspflege in der Nationalen Volksarmee vor sich liegen. "Sie ist eingebunden in die gesamte Erziehungsarbeit", sagt er. "Sie dient der Motivierung hinsichtlich des Klassenauftrages unserer Armee; es ist die Pflege der Tradition des Kampfes gegen den Faschismus und Krieg. Die Vereidigung unserer jungen Soldaten findet halbjährlich in der nationalen Gedenkstätte Sachsenhausen statt, unter großer Beteiligung der Bevölkerung. Die Erinnerung an die Tatsache, daß dort hunderttausend Menschen von den Faschisten umgebracht worden sind, läßt manchen Armeeangehörigen die Waffe fester fassen. An der Vereidigungszeremonie wird die progressive Zielstellung der NVA deutlich."

In der DDR heißt es meistens "Zielstellung", wo wir "Zielsetzung" sagen. Ich frage mich, ob das semantisch von Bedeutung ist: Setzen tut man sich Ziele selbst, gestellt werden sie einem, darin liegt der Unterschied zwischen Selbstverwirklichung und Fremdbestimmung. Ich frage mich auch, ob der drahtige Oberstleutnant Helga Schuberts Geschichte "Luft zum Leben" kennt, die Geschichte, wie ihr Sohn zur Volksarmee eingezogen und in Sachsenhausen vereidigt wurde: