Von Rüdiger Siebert

Das Denkmal wirkt ein paar Nummern zu groß für das beschauliche Nest an der Scheide. Auch der Mann, den das grünspanige Monument darstellt, war für seinen Geburtsort zu groß gewesen. Nicht hier in Rupelmonde, wo er 1512 als Gerhard Cremer das Licht Flanderns erblickt hatte, sondern in der brabantischen Universitätsstadt Löwen und im deutschen Duisburg, wo er sich latinisiert, der intellektuellen Mode seiner Zeit folgend, Mercator nannte, wurde er weltberühmt. Auch seinetwegen war ich gekommen, auf Nebenstraßen das andere Flandern suchend, das der kleineren Orte mit den weniger klangvollen Namen.

An der breit, träge und schmutzig der Nordsee zufließenden Scheide steht noch der Turm eines Grafenschlosses aus dem 14. Jahrhundert. Von seinem Ausguck läßt sich das flache Land unter den aufgebauschten Wolkenbergen überschauen, ein Land der Bauern, der Fischer, der Werftarbeiter, das auf den ersten Blick gar nicht großartig wirkt, sondern eher bieder, ja, langweilig aussieht. Gerade hier an der unteren Scheide, die Handel und Industrialisierung voranbrachte, ist die Landschaft von Fabriken und den ökologischen Kainsmalen des sogenannten Fortschritts gezeichnet.

Das heimatkundliche Museum im Innern des Turmes erzählt vom wirtschaftlichen und kulturellen Werden der Region: Flußfischerei, kleinstädtisches Gewerbe, ein Dichtertreffen in der nostalgischen Rückblende verblichener Photographien. An jenen Gerhard Cremer erinnert eine Sammlung alter Landkarten, kartographischer Instrumente und Schiffsansichten. Mercators Andenken zu ehren, hat Rupelmonde allen Anlaß. In eben diesem Schloß war er, der das geographische Weltbild so epochal prägen sollte, für einige Monate als Opfer religiöser Verfolgung eingekerkert gewesen. Der geniale Geograph, deutschstämmig und allen Kontinenten zugewandt, öffnete den Europäern nachhaltig die Augen für die Dimensionen ihres Globus. Der weitsichtige Sohn Flanderns bannte die Erdkugel ins Gitterwerk seiner Landkarten, half, in der Epoche der Entdeckungen die Seewege zu markieren und prägte mit seinem Maßstab, der Mercator-Projektion, die Welt-Anschauung des Abendlandes. Sein Porträt ziert die belgischen 1000-Franc-Scheine. Die engere Heimat huldigte Mercator 1871 mit jenem wuchtigen Standbild, das – unübersehbar – den Mittelpunkt des geruhsamen Rupelmondes bildet. Auch die kleine Insel vor dem übriggebliebenen Turm verschwundener Grafenpracht trägt seinen Namen.

Motive der Selbstbehauptung

An der Wassermühle daneben, die einst von den Gezeiten angetrieben wurde, sind flandrische Motive zusammengetragen worden, die sich allgemeiner Beliebtheit erfreuen: Uilenspiegel und Reineke Fuchs, Sinnbilder jenes Selbstbehauptungswillens, mit dem sich die Menschen Flanderns seit vielen Generationen der politischen Einvernahme und der Bevormundung ihres Landes durch fremde Mächte zu entziehen versuchten.

Auf dem Grote Markt von Dendermonde erfüllt sich die Sehnsucht, die immer wieder nach Flandern treibt, diese Sehnsucht nach geschlossenen Plätzen mit dem Atem der Geschichte und den Fassaden gewachsenen städtischen Wohlstandes. Das Rathaus, das einstmals Tuchhalle war, fügt sich ein ins Rund des Marktes, beherrschend zwar, doch nicht erdrückend. Die ehemalige Fleischhalle als architektonisches Gegenstück beherbergt in ihren grauen Quadermauern ein archäologisches Museum. Daneben Tante-Emma-Läden, ein paar Cafés und Kneipen, vor denen Tische und Stühle zum Platznehmen einladen. In Dendermonde sind die Dimensionen auf den Alltag eingerichtet; alles ist kleiner, überschaubarer als in den Städten Gent und Brügge, deren Ruhm Flandern weithin überstrahlt und dementsprechend Fremde anlockt. Welche Ruhe im Beginenhof von Dendermonde, der ehedem am Rande des Städtchens lag und nun von neueren Siedlungen und einer Geschäftsstraße umgeben ist. Ich betrete das Refugium durch ein Gäßchen hinter den Schaufensterfronten und habe den Eindruck, in ein Stück ummauerte Vergangenheit zu gelangen. Draußen Einkaufsbetrieb und vollgeparkte Straßenränder, drinnen die Stille der Jahrhunderte. Wie in fast allen flandrischen Städten war auch dieser Beginenhof einmal eine Mischung aus Kloster und Damenstift, fünf Dutzend nebeneinander gebaute Häuschen, deren enge Nachbarschaft wie ein frühes Modell neuzeitlicher Reihenhaussiedlungen wirkt. Heute ist der Beginenhof eine Heimstatt der Alten, der weniger betuchten Bürger mit einer Kapelle in der Rasenmitte.