Zweimal bleiben wir noch wach, heißa, dann gilt es, Abschied zu nehmen von den Gefährten unserer Träume und Alpträume. Abschied nicht nur von Toni und Rudi und Litti und Andy und Charly, sondern auch von Töppi und Palmi und Krami und Rauschi und Harry, den Reportern und Moderatoren der öffentlichrechtlichen Bildvermittlung, die uns in langen Fußballnächten ans Herz gewachsen sind, wie es im gemeinen sportlichen Alltag nie möglich gewesen wäre. Für sie alle, die uns die Fußball-Weltmeisterschaft in Bild und Ton unauslöschlich einprägten, darf gelten, was ZDf-Reporter Rolf Kramer irgendwann im Laufe des Spiels zwischen Brasilien und Frankreich über den Torwart der Brasilianer sagte: "Geprüft worden ist er kaum. Aber was er bisher gezeigt hat – alle Achtung!"

Es ist gewiß kein leichter Job, alle Tage über Fußball zu reden. Man muß sich da schon ein bißchen (im ZDF: a bisserl) Gedanken machen. Nicht immer kann das Ergebnis geistiger Anstrengung so originell sein wie im Falle des über den Tag hinaus gültigen Kommentars von WDA-Reporter Wilfried Luchtenberg zum Spiel Deutschland-Marokko: "Bei Ihnen neigt sich der Tag der deutschen Einheit dem Ende zu; wir warten hier auf ein einheitliches Bild der deutschen Mannschaft." Da wartet man gern.

Wer nicht zufällig Hans-Joachim Rauschenbach ist, sozusagen das Salz in der Reportersuppe persönlich, der tut sich schwer auf dem Niveau. Der Frühstücksmoderator des Hessischen Rundfunks indes hielt mühelos mit, hatte metaphern-mampfend zur Morgenstund’ stets Gold im Mund. Sein Glanzstück als Kellner am Fernsehbuffet: "Und nun – auch ein Appetithappen – Theresa Henkel mit den Nachrichten." Am Rauschenbach kann man sich nicht satthören.

Läßt man die Fernsehschaffenden dieser Weltmeisterschaft Revue passieren, so war – wenn ihm dies vielleicht auch nicht direkt bewußt geworden sein mag – Rudi Michel von allen der lustigste. Der ARD-Teamchef, dem unversehens die Aufgabe zugefallen war, in Vertretung eines verhinderten Kollegen zum Marokko-Spiel das übliche Studio-Gelaber zu improvisieren, schmückte mit der fröhlichen Feststellung "Ich hab’ ja gar nicht gewußt, wie wenig Ahnung ich vom afrikanischen Fußball habe" einen Höhepunkt deutscher Sportfernseh-Berichterstattung. Deutsche Sportfreunde haben ja gar nicht gewußt, was für ein Spaßvogel der Rudi Michel ist, welch ein Schelm. Dranzubleiben, ja nicht abzuschalten, riet er seinen Zuschauern weit nach Schlußpfiff und Mitternacht, denn da komme noch was. Dann las er ihnen, weil seiner Ansicht nach immer noch so wahnsinnig treffend, sechzehn Jahre alte Pressezitate zum Spiel Deutschland-Marokko aus dem Jahre 1970 vor. "Ist das nicht lustig?" fragte Rudi Michel, und da wird mancher seiner nächtlichen Kunden vor Lachen nicht mehr haben einschlafen können.

Nicht jeden Tag strahlte unser WM-Fernsehen solche Highlights aus. Doch verdient die Berichterstattung als ganzes mit Fug und Recht ein Lob. Sagen wir es mit dem schönen, auf das Spiel Brasilien-Frankreich gemünzten Kommentatorenwort: "Ein Leckerbissen, der viel versprach und dies auch halten konnte."

Dank einprägsamer Worte und Bilder haben viele bislang allenfalls flüchtige Bekannte in unserem Gedächtnis nun einen festen Platz. Monsieur Fernandez zum Beispiel, der Unscheinbare, "der Wasserträger mit dem Gewältschuß". Oder Monsieur Giresse, "Gigi, wie sie ihn nennen, den kleinen Mann". Oder Monsieur Platini, über den wir in langen nächtlichen Lektionen gelernt haben, daß er "erst richtig gefordert" werden muß, bevor er vielleicht einen wichtigen Elfmeter in die Wolken schießt.

Wenig ist uns entgangen in Mexiko; Kameras blickten in alle Hinterstübchen der WM. Fixe Reporter wie Töppi oder Michi sorgten für Information total, taten jedenfalls so, als ob. Ehe die Heimat überhaupt eine Frage hatte, hatten die Jungs vor Ort sie Franz, dem Teamchef, schon gestellt, in der Regel so trefflich formuliert, daß dem gar keine Wahl blieb, als mit der routinemäßigen Wahrheit herauszurücken. "Das ist richtig", werden wir den Kaiser noch in alle Ewigkeit sagen hören.