Von Gerhard Spörl

Die Sechzigjährigen sind die letzten Gesamtdeutschen – sagt ein Sechzigjähriger in mildem Ton. Ob sie heute in Hamburg oder Dresden leben, sie immerhin haben das alte Deutschland gekannt und mußten sich von ihm prägen lassen. Die Heimat, die Landschaft, frühe Bilder, doch auch die Jugend, um die ihre Generation betrogen wurde, und schließlich der schwere, späte Beginn des endlich eigenen Lebens: Da bleibt Gemeinsames unverloren über alles Trennende hinweg. Zu anderen Zeiten hätte man gesagt: Es eint sie ein Schicksalsgrund.

Die Biographien der Dreißigjährigen berühren sich kaum noch. "Sind wir denn noch Gesamtdeutsche?" fragte ich den Altersgenossen Hans-Dieter Schütt, Jahrgang 1948, Chefredakteur des FDJ-Zentralorgans Junge Welt. "Ich bin kein Gesamtdeutscher, ich bin Kommunist!" wehrte Schütt ab, als wäre das ein Widerspruch.

Schütt ist auf dem besten Wege, in der Nach-Honecker-Ära in die Parteielite aufzurücken. Die Junge Welt – Auflage: knapp eineinhalb Millionen – ist dafür ein prachtvolles Sprungbrett. Sie ist eine beachtete Tageszeitung, weil sie einerseits zur parteifrommen Bewußtseinsbildung der Jugend beiträgt und sich andererseits Freiheiten herausnehmen darf, die im drögen DDR-Journalismus auffallen.

Seit zweieinhalb Jahren gebietet Schütt über siebzig zumeist junge Redakteure. Fünf Jahre lang bleibt man gewöhnlich auf diesem Posten. Seine Vorgänger rückten in die lichten Höhen des Herrschaftssystems auf. Im SED-Jargon, der sich noch immer an Krieg und Unfrieden orientiert, führt die FDJ den Ehrentitel "Helfer und Kampfreserve der Partei" – sie ist die Schmiede, in der sich die Nachwuchskader härten lassen müssen. Die DDR – ein FDJ-Staat? "So hören wir das auch manchmal", lacht Schütt dazu. "Aber denken Sie mal: Dreiviertel der Spitzenfunktionäre in Wirtschaft, Kunst und Wissenschaft, die nicht der Kriegsgeneration angehören, kommen aus der FDJ!"

Die alten Kommunisten sehen ihre Enkel nicht ohne Skepsis wachsen. Die müssen in kleinen Pirouetten ihre historische Mission erlernen; sie aber haben schon im gleichen Alter für die Weltrevolution gelitten und gekämpft. Die Familie Schütt gehört auch nicht zum Arbeiteradel, dessen Ahnen etwa schon im Streik der Munitionsarbeiter 1917 ihre Existenz aufs Spiel setzten. Vater Schütt zog im Zweiten Weltkrieg als Soldat ins Vaterland der Arbeiter und Bauern. Nach dem Krieg trat er der KPD bei und wurde Lehrer. Der Vater-Sohn-Konflikt drehte sich oft um die Einstellung zur Sowjetunion. "Mein Vater sah sie nach wie vor aus der Landserperspektive: weites Land, arm, rückständig, geknechtet. Für mich hat die Sowjetunion historische Verdienste erworben, weil sie Hitler niedergezwungen und den Krieg gewonnen hat. Sie ist aber kein Vorbild für uns, was Technik und Fortschritt anbelangt."

So folgerichtig Schütts Werdegang aussieht, so zufällig entwickelte er sich. In der Schule brachte ihn ein Klassenkamerad in Schwierigkeiten. "Der wollte weg aus der DDR. Er erzählte mir davon. Ich dachte nicht, daß er es ernst meint. Er wurde an der Grenze geschnappt, und beim Verhör sagte er, der Schütt hätte davon gewußt." Schütt durfte dennoch sein Abitur machen.