Von Kurt Sontheimer

Joachim Fest, der Hitler-Biograph und verantwortliche Herausgeber für das Feuilleton der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, versteht sich auf die Kunst des Essays. Ihm gelingt es, einen komplexen oder bekannten Gegenstand so interessiert zu betrachten, daß er im neuen Lichte erscheint oder ihm eine diskutable These abzugescheint ist. Er erweckt durch die Vielfalt der herangezogenen Quellen und einbezogenen Aspekte den Eindruck einer souveränen Beherrschung seines Gegenstandes, und er betreibt sein Unternehmen überdies in einem gepflegten, gut lesbaren, literarische Qualität anziehenden Stil, so daß man die Lektüre nie zu bereuen braucht, sofern einen der Gegenstand überhaupt reizt. Dazu bedarf es bei Heinrich und Thomas Mann, diesen großen brüderlichen Persönlichkeiten der deutschen Literatur im zwanzigsten Jahrhundert, in der Tat nicht besonders viel, vor allem, wenn es darum geht, ihr wechselseitiges Verhältnis zueinander und zur Politik und Gesellschaft ihrer Zeit zu analysieren oder zu interpretieren. Das ist allemal ein Thema von hohem Reiz für alle literarisch und historisch Interessierten, denen das etwas überteuerte Büchlein ein neues Verständnis von Heinrich und Thomas Mann nahelegen will –

Joachim Fest: "Die unwissenden Magier – Über Thomas und Heinrich Mann"; Siedler Verlag, Berlin 1985; 140 S., 20,– DM.

Den Titel für seine beiden Essays, die einzeln schon früher veröffentlicht wurden, jetzt aber durch ein passendes Vorwort miteinander verbunden sind, entlieh Joachim Fest bei keinem näherstehenden als Golo Mann, der diese Impression – als sprächen da "unwissende Magier" – in der Tat als seinen Eindruck schriftlich festhielt, als er seinen Vater Thomas einmal mit seinem Onkel Heinrich zusammen politisieren hörte. Diese ambivalente Charakterisierung durch Golo Mann, den reifen Historiker, ist natürlich eine starke Stütze für die von Joachim Fest im einzelnen entfaltete These, daß beide – Heinrich und Thomas Mann – zum Politischen kein angemessenes, sondern ein verqueres, verstörtes Verhältnis gehabt hätten, wenn auch in unterschiedlicher Weise. Fest konstatiert, beide Brüder seien "unrettbar fremd im Politischen" gewesen; sie hätten zum Politischen nie eine richtige Beziehung finden können. Ihnen sei die Politik immer äußerlich geblieben, eine ferne Realität, die sie nicht begriffen hätten.

In ähnlicher Weise hatte sich übrigens schon der Kritiker Marcel Reich-Ranicki über das Verhältnis der Brüder Mann zur Politik geäußert. Auch er sieht es als ein arges Mißverhältnis, und es ist darum nicht überraschend, daß Joachim Fest ihm just diese kleine Schrift gewidmet hat, denn sie wirkt wie die Ausführung einer These dieses vom Ästhetischen und Psychologischen so gebannten Kritikers, der sich mit dem Verhältnis der beiden Schriftsteller zur Politik ohnehin nicht genauer befassen mochte, sondern es bei seiner Pauschalverwerfung dieses Aspekts ihrer geistigen Existenz beließ.

Natürlich kann ein knapper Essay ein so großes Thema nicht systematisch, also unter Heranziehung aller relevanten Quellen behandeln, er kann lediglich versuchen, einige Akzente anders oder neu zu setzen, indem er für die Pointierung einer These entsprechendes Material heranzieht. Joachim Fest legt sich im Fall Thomas Manns darauf fest, dieses Schriftstellers Verhältnis zur Politik grundsätzlich aus dem Geist seiner "Betrachtungen eines Unpolitischen" zu interpretieren, wobei Hans Castorp auf dem "Zauberberg" als die zur Romanfigur verdichtete Erscheinungsform des unpolitischen Betrachters stilisiert wird.

Nun ist es gewiß wahr, daß Thomas Mann vor allem nach dem Ersten Weltkrieg die Spannung zwischen Kunst und Leben, Kultur und Politik, literarischer Ironie und politischem Bekennertum stark empfunden und immer von neuem in sich ausgekämpft hat, aber es geht meines Erachtens nicht an, nur in dem ironischen Künstler und dem unpolitischen Deutschen T. M. den wahren Thomas Mann zu sehen und den Thomas Mann des "Appells an die Vernunft", den Verfasser der großen politischen Reden und Essays der Weimarer Zeit und der nationalsozialistischen Ära bis hin zu den moralisch-aggressiven Radioansprachen an "die deutschen Hörer" als den uneigentlichen Thomas Mann zu charakterisieren, der mit seiner Person in seiner politischen Rolle keineswegs ganz aufgegangen wäre. Das ist er gewiß nicht, und Thomas Mann selbst hat darüber oft genug gesprochen und geklagt – Joachim Fest bedient sich nach Kräften nur solcher Äußerungen – aber daraus zu folgern, daß der politisch redende und schreibende Thomas Mann nicht auch der wirkliche, der echte, der wahre gewesen wäre, das ist sicherlich einseitig, ja unzulässig.