Auf den wenigen Tagungen, die in den vergangenen Monaten des ersten Vierteljahrhunderts der Entkolonisierung gedachten, wollte keine richtige Feststimmung aufkommen. Wo war das Reich der Freiheit, der Gerechtigkeit, des alternativen, jeder Entfremdung baren Lebensstils, das vor 25 Jahren die Führer der nationalrevolutionären Befreiungsbewegungen gegen Kolonialismus und Imperialismus versprochen hatten? Wo existiert das Glück der befreiten Massen Afrikas, Asiens und Lateinamerikas, deren vulkangleiche Kreativität – so hatten die Idealisten doch geträumt – die auf Coca-Cola und Autos fixierte Dekadenz der Industrieländer-Bourgeoisie überstrahlen würde? Wo liegt der Garten Eden, in den sich die Regionen der Dritten Welt verwandeln sollten?

Statt dessen schweift der Blick über eine Trümmerlandschaft: Hunger in Afrika; Kriege in der arabischen Welt; lokale Imperialismen in Asien; unter der Schuldenlast erstickende Nationalökonomien in Lateinamerika; das Gespenst der "Haitianisierung" als Chiffre für die völlige Verarmung beträchtlicher Teile der Dritten Welt; Generale, Diktatoren und Staatspartei-Tyrannen mit nicht endenden Herrschaftsdekaden als zynische Menschenrechtsverletzer in vielen Staaten Afrikas, Asiens, Lateinamerikas und der Karibik. Addiert man dazu noch den Zerfall des Opec-Kartells, vor zehn Jahren umjubelt als Vorhut des Südens auf dem unaufhaltsamen Siegeszug in Richtung auf eine von den ehemals Kolonialisierten mitbestimmte "Neue Weltwirtschaftsordnung", dann drängt sich der Schluß auf, die Industrieländer hätten ihre alte Ordnung gar nicht schlecht verteidigt. Zumindest wären sie fähig, wenn nicht gar willens, in der konterrevolutionären Achtziger-Dekade an der Dritten Welt handfest Rache zu nehmen für Positionsgewinne in den Siebzigern, als Afrika, Asien und Lateinamerika günstigere Konjunkturen erlebten und manchen taktischen Sieg verzeichnen konnten.

Der sündige Adam

Ginge es tatsächlich nur um das Ringen zwischen Erster und Dritter Welt um eine neue – natürlich bessere, harmonischere, gerechtere – Weltordnung, verhinderten tatsächlich nur böse Verschwörer in reaktionären Bollwerken wie Internationaler Währungsfonds, Weltbank, Wall Street und Eurodollar-Markt die Emanzipation des Südens, erübrigte sich jedes Räsonnieren. Dann hieße es lediglich, Partei zu ergreifen zwischen Licht und Dunkel, Ausgebeuteten und Ausbeutern, Hunger und Prasserei. Doch so einfach ist es nicht.

Zum Beispiel sollte die gern zitierte Süd-Süd-Beziehung, als handelspolitische Alternative der Dritte-Welt-Staaten, die geschmähte Nord-Süd-Achse (Rohstoffe aus dem Süden gegen Maschinen und Technologie aus dem Norden) ersetzen. Brasilien, bei dieser Entwicklung Wortführer der Dritten Welt, hat in den letzten Jahren beeindruckende Schritte in diese Richtung getan, als es seinen Handel nach Schwarzafrika und in den arabischen Raum auffächerte. Aber wurde daraus ein Gegenmodell für herkömmliche asymmetrische Handelsbeziehungen? Ganz und gar nicht! Brasiliens Süd-Süd-Achse entpuppt sich als besonders erfolgreiche Variante national-staatlicher Handelspolitik, wobei Brasilia Rohstoffe und Energie aus dem schwarzafrikanischen Raum bezahlt, indem es Maschinen, rollendes Gerät, Technologien mittlerer Reife und selbstentwickelte Militärgüter von bestechender Qualität liefert.

Bleibt also der sündige Adam auch den jungen Gesellschaften der Dritten Welt erhalten? Diese Zweifel würden im geschichtserfahrenen Europa nicht so viel Resignation auslösen, hätte es vor 25 Jahren nicht die hymnischen Zukunftsvisionen einer alternativen Gegenwelt aus den Schreibmaschinen ruppiger Revolutionsführer gegeben, die damit alles, ihre Taten wie auch ihre Untaten, zu rechtfertigen suchten.

Frantz Fanon stilisierte damals das Töten zum Akt der Befreiung hoch. Schlagt den weißen Mann tot, schrieb er, und ihr schafft euch die eigene Befreiung! Ein so hellsichtiger Schriftsteller wie der aus Trinidad gebürtige V. S. Naipaul hat vor solchen Attitüden gewarnt – weswegen der agnostische Hindu im Karibischen Black-Power-Sozialismus als Industriestaaten-Lakai denunziert wird. Gerade das "junge" Europa hat weder Naipaul noch anderen nüchternen Mahnern geglaubt, auch nicht, als Naipaul im Schlüsselroman "Guerillas" den banalen Terror des als Antiimperialismus getarnten Tötens aufzeigte. Sein Buch kreist daher auch nicht um einen kraftstrotzenden Che-Guevara-Typ, sondern um die Figur des chinesisch-afrikanischen Jimmy Ahmed, der seinen perversen Haß introvertiert, während die Karibikinsel weiterhin in den Händen einer nordamerikanischen Bauxitgesellschaft bleibt. Jimmy, der Revolutionsclown, schafft es nur, die weiße Jane sexuell zu mißhandeln und sie schließlich rituell abzuschlachten. Jane, die kleinbürgerliche Londonerin, erpicht darauf, mit einem leibhaftigen Revolutionär zu kokettieren, endet in Guerilla-Mimikry. Jimmy Ahmed versagt nicht nur als Revolutionär, er versagt – wie übrigens alle von Naipauls Tagträumern, die das Dritte-Welt-Land bevölkern – auch erotisch: Als die resolute Jane den unsicheren Jimmy im lächerlichen Mao-Leibchen nimmt, beweist er keine Kraft, sondern "einfach so-, ohne ein einziges Aufbäumen, stahl sich sein bißchen Stärke heraus, und es war alles vorbei".