Von Willi Winkler

Ein Grund", schreibt der englische Essayist Paul Coates in seinem Buch "The Story of the Lost Reflection", "ein Grund, warum sich Godard in solchem Ausmaß der Gunst der Kritik erfreut, ist die Tatsache, daß seine Filme Maschinen sind, die Zuschauer in Kritiker verwandeln." Die Zeit Jean-Luc Godards (oder wahlweise die Antonionis, Fellinis, Bergmans, die von Coppola, Wenders, Kluge e tutti quanti) im Film ist ebenso vorbei wie die Ferdinand Freiligraths in der deutschen Literatur ("Spring an, mein Wüstenroß aus Alexandria"): beide verdienen sie historisches Interesse, aber wer hier die Avantgarde vermutet, macht sich nur noch lächerlich.

Es wäre statt dessen an der Zeit, daß sich die Kritik andere Betätigungsfelder sucht, auf denen sich noch etwas anderes abspielt als die vorhersehbaren Winkelzüge für den mit viel kritischer Theorie fundierten Cineasten. Diese kleinen Gescheitheiten haben inzwischen ausgedient wie die Nouvelle Vague, der Neue Deutsche Film oder die Autorentheorie. Wenden wir uns deshalb einmal jenen Filmen zu, die die Kritiker nur mehr mit Schaum vor dem Mund sehen können, soviel Schaum, daß er die Sehfähigkeit beeinträchtigt und Haßtiraden auf Hirngespinste provoziert.

Warum dieser Schaum? Klarer Fall, Filme wie "Rambo", "Rocky", "Invasion U.S.A." sind "brutal", "primitiv", "menschenverachtend" und, wenn gar nichts mehr hilft, "faschistisch". Sie argumentieren nicht, diese Filme, sie schlagen einfach zu, und die Botschaft wird auf der ganzen Welt verstanden. Da wären wir auch schon beim schlimmsten Vorwurf: Sylvester Stallone und seine Mitkämpfer sind erfolgreicher als die Kulturpolizei erlaubt.

"Die Filme sind der Spiegel der bestehenden Gesellschaft", hat Siegfried Kracauer seinen Enkeln bereits 1927 auf den Notizblock geschrieben. Doch obschon Kracauer der deutschen kritischen Filmtheorie als Gründungsvater gilt, wird dieser Leitsatz nur sehr vordergründig und dann immer nur politisch angewendet. Kaum jemandem ist bisher der Gedanke gekommen, daß diese billigen Filme nicht bloß dumm und grobschlächtig sind, sondern daß sie nebenbei auch noch ein klassisches abendländisches Thema behandeln könnten: das Ende des Individuums und den Siegeszug der Maschine, die den Einzelkämpfer zur tragischen Figur werden läßt.

Die europäische Kritik sieht in diesen Muskelfilmen mit Vorliebe das Großmannstum der Amerikaner und den im Volk verbreiteten Antikommunismus plärren. Der Vorwurf ist zweifellos berechtigt, aber doch keineswegs die ganze Wahrheit. Vor kurzem hat der amerikanische Politologe Norman Birnbaum im Spiegel einen Satz formuliert, der die Schnelldenker überraschen sollte: "Unser Nationalheld ist nicht Rambo, sondern der Schauspieler, der Rambo so überzeugend dargestellt hat."

Sylvester Stallone also ist der Held des heutigen Amerika, der schiefmäulige "italienische Hengst", der es vom Pornodarsteller zu einem der höchstbezahlten Schauspieler Hollywoods gebracht hat. Er und andere Nicht-Schauspieler wie Chuck Norris und Arnold Schwarzenegger lassen ohne lange Diskussion die Muskeln und als deren Verlängerung die Waffen sprechen. In diesen Heldenfilmen stehen die Darsteller in guter Brechtscher Tradition vor der Rolle, die sie vorführen: Norris als Karateweltmeister, Schwarzenegger als der Welt berühmtester Bodybuilder, Stallone als der personifizierte amerikanische Traum, der Mann, der sich nach oben geboxt hat.