Von Susanne Mayer

Ach, man hofft ja gerne. Spitz hatte das Pendel über dem Fläschchen geschwebt. Geschwebt? Es schwang! Es malte, dezent doch deutlich, einen kleinen Heiligenschein, etwa zwei Zentimeter über dem weißen Plastikdeckelchen. Ausatmen! Ein Lächeln. "Das Mittel wird dir helfen", orakelte die Frau, die das Pendel hielt und in ihrer anderen Hand die meine. Das Mittel ist ein Heuschnupfenmittel.

Neun Tropfen morgens, mittags und abends, hatte die Heilpraktikerin gesagt – "und wenn es schlimm wird, jede Stunde". Wenn es schlimm wird, würde ich das Zeug am liebsten trinken. Aussaufen die Flasche. Oder besser noch, in "Luffa operculata" baden. Augen zu und untertauchen. Unten bleiben bis zum Sommerende. Und ich liebe den Sommer.

Es gibt Menschen, die die sommerliche Natur auf eine schwärmerische Weise lieben. Zu denen gehöre ich. "Wenn das liebe Tal um mich dampft und die hohe Sonne an der Oberfläche der undurchdringlichen Finsternis meines Waldes ruht und nur einzelne Strahlen sich in das innere Heiligtum stehlen, ich dann im hohen Grase am fallenden Bache liege und näher an der Erde tausend mannigfaltige Gräschen mir merkwürdig werden..." – in solchen Situationen bin ich glücklich (wenn auch leider nie so beredt wie Johann Wolfgang von Goethe). So war das wenigstens, als wir "Die Leiden des jungen Werther" vor fünfzehn Jahren in der Deutschstunde lasen. Mittlerweile leide ich. Je näher ich den mannigfaltigen Gräschen komme, desto merkwürdiger wird mir.

Die Augen kribbeln, als sei eine Ameisentrasse über die Lidränder verlegt. Die Nasenwände schwellen wie die Rippen einer Luftmatratze. Niesanfälle schleudern mich umher. Vom Murmeln des "fallenden Baches" ist nichts mehr zu hören. Mir ist dumpf im Kopf, die Glieder sind schwer. Im Gras zerstreut liegen, wie Blätter nach einem Sturm, Taschentücher ohne Zahl. Naß. Wie durch Wasser gezogen. So etwa sah das Szenario aus, als ich noch darauf bestand, mein Lesepensum am Ufer von Freiburgs Dreisam zu absolvieren, im Angesicht des schönen Schwarzwalds. Es war ein Bild zum Heulen.

Als ich das erste Mal Heuschnupfen hatte, warich direkt ein bißchen stolz. Ich war nach dem Abitur nach Amerika gefahren und brauste mit Freunden durch den Staat Pennsylvania. Wie der Name schon sagt, stehen in der früheren Kolonie William Penns eine Menge Bäume – Laubbäume, Nadelbäume, alles da, und dazwischen liegen Felder und Wiesen. Es war ein heißer Sommertag, das Autoverdeck war zurückgezogen und die Fenster heruntergekurbelt, und die Freunde erzählten von einem gefährlichen Kraut, von dem der Vater einen Ausschlag bekam, wenn er an einer Pflanze nur vorbeifuhr. Die eine Tochter schien die Empfindlichkeit geerbt zu haben. Eine andere vertrug keine Milch. Und so weiter. Jede und jeder schien gegen irgend etwas allergisch zu sein. "Ich habe nur Schnupfen", sagte ich unvorsichtigerweise. "Ich wette, das ist Heuschnupfen!" trumpfte die Mutter auf. Es war Heuschnupfen. Kaum waren Dach und Fenster des Autos zu, hörte ich auf zu schniefen.

Heuschnupfen ist dankbarstes, weil nie erledigtes, Thema der Wissenschaft. "Die Nase besteht aus dem knöchernen Teil, der aus dem Stirnfortsatz des Oberkiefers, dem Nasenfortsatz des Stirnbeins und dem eigentlichen Nasenbein gebildet wird, und aus dem knorpeligen, etwas beweglichen Teil, der mit der knöchernen Nase verbunden ist und die äußere Form der Nase entscheidend prägt (zum Beispiel Höckernase, Sattelnase, Schiefnase). Das Naseninnere besteht aus dem Nasenvorhof... und der eigentlichen Nasenhöhle, die durch das teils knöcherne, teils knorpelige Septum (Nasenscheidewand) in eine rechte und linke Hälfte geteilt wird. Der unterste Teil des Nasenseptums heißt Nasensteg." So die Beschreibung des Tatorts Nasenhöhle.