Symmetrie? Ein Ideal seit dem Urknall. Wer mit Gott und der Welt Probleme hat, hat sie auch mit der Symmetrie. Ohne Symmetrie wäre von Asymmetrie nie die Rede gewesen ..." (Berward von Charmier). Das ist eines von den, wie man sich leicht denken kann, zahllosen Zitaten zur Symmetrie, die der dickleibige Textband zur Darmstädter Symmetrie-Ausstellung enthält. Symmetrie ist ein wahres Allerweltsproblem, eine Ausstellung zu diesem Thema ein enzyklopädisches Unterfangen.

Als Wahrzeichen, Fazit und auch Warnung an den Besucher, es sich ja nicht zu leicht zu machen mit der Symmetrie, steht Alexander Calders großes Mobile "Cinq blanc, un rouge" auf dem Vorplatz der Mathildenhöhe. Ein Kunstwerk, das auf den ersten Blick jede simple Vorstellung von Ordnung Lügen straft: Ein schwarzer Körper, ein roter Körper, der eine weit nach außen ragend, der andere gerade über die Schnittstelle reichend, unten fünf weiße Teile angehängt, auch sie sind nicht in eine Marschrichtung zu kriegen. Und doch hält ein perfektes inneres Gleichgewicht die Teile im Lot, entsprechen sich Farben und Gewichte. Ist Symmetrie ein Balanceakt?

Symmetrie ist ein Thema, das Unvorsichtige zu überschnellen Bekenntnissen verführt. Da hört man eine kluge Dame räsonieren: Symmetrie gibt Sicherheit und nimmt uns das Denken ab. Beispiel: die NS-Architektur. Worauf die ebenso leichtfertige Antwort kommt: Die Kunst ist es, die Symmetrie denunziert als einfache Spiegelung, Drehung, Reihung. Zwei Kurzschlüsse, die keine Symmetrie ergeben.

Kunst als Ladenhüter

Vorsichtiger war Hermann Haken. Der berühmte Physiker und Begründer der Synergetik hielt auf dem die Ausstellung begleitenden Symposium einen auch für naturwissenschaftliche Laien bestechend klaren Vortrag. Er sprach über neue Gleichgewichte in der Natur, die entste- – hen, wenn durch äußere Einflüsse alte

Ordnungen instabil werden; Ordnungen, die einmal etabliert, wieder alles Umliegende mitreißen, versklaven. (Einfaches Beispiel: zum Kochen gebrachtes Wasser.) Zum Abschluß machte er einen kleinen Seitensprung zur Kunst und sagte fast verlegen, wissend, auf welch unsicheres Gebiet er sich wagte: Natürlich sei Symmetrie in der traditionellen Kunst wie in der Natur der Inbegriff von Stabilität, Ordnung, Ruhe. Aber sie langweile ihn hier. Moderne Kunst dagegen zeige viel mehr Chaos oder etwas, das er noch nicht entziffern könne.

War hier nur der Entdeckergeist angesprochen oder gab es vielleicht auch eine unmittelbare Ursache für diese Absage an Symmetrie in der Kunst? Hat ihn vielleicht gar die Ausstellung auf der Mathildenhöhe dazu gebracht?