Von Heinz Josef Herbort

DIE ZEIT: Viele Menschen haben Angst davor, ihren 60. Geburtstag zu feiern und damit "alt" zu werden? Sie auch?

Hans Werner Henze: Nein, es ist nur dann offiziell, daß ich nicht mehr zwanzig bin.

Ich kann nicht behaupten, daß ich heute lieber lebe als damals mit zwanzig Jahren, aber bewußter lebe ich halt. Seit meiner Jugendzeit gibt es eine Omnipräsenz des Todes. Wahrscheinlich, weil ich in dieser Gottes- und Menschenfurcht der lutheranisch-evangelischen Kirche und deutschen Gedankenwelt aufgewachsen bin, wo die Schuld und die Ursünde eine große Rolle spielen. Dann kommt man in ein Land, das einen altgestandenen Katholizismus hat, der taktisch und praktikabel ist, die Leute leiden nicht unter Gott, und es ist nicht immer diese Fuchtel über ihnen. Das Verhältnis zu Gott und sich selber ist hier gelassener, freundlicher als in den nördlichen Landstrichen. Diese Art von gentilezza, die die Menschen hier miteinander haben, ist ja bei uns im Norden so sonderlich nicht bekannt. Ich habe seit über dreißig Jahren also eine Art von Lernprozessen durchlaufen und eine kulturelle Umerziehung erfahren in diesem Land hier, durch meine italienische Umgebung, meine italienischen Freunde.

Das ist vielleicht der Sinn des Alterns, daß man das, was man sich als junger Mensch ersehnt hat, diese Art Einheit von physischen und psychischen Bedingungen, eine Harmonie – daß man sie erst bekommt, wenn alles überstanden ist, wenn man schon gelebt hat. Womöglich ist es gar nicht anders denkbar. Als junger Mensch fragt man sich: Wer bin ich, und es braucht viel Zeit, um es herauszufinden: nämlich das ganze Leben.

D. Z.: Wissen Sie es denn jetzt?

H. W. Henze: Nein. Ich weiß heute lediglich ein bißchen mehr über mich Bescheid als früher.