Düstere Aussichten

Von Rainer Erd

Gewerkschaften sind ein etabliertes Thema von Wissenschaft und Publizistik. Die komplexen Beziehungen zwischen Arbeitnehmer und Arbeitgeber, Betriebsrat, Gewerkschaft und Staat sowie tariflicher und gesetzlicher Regelung hingegen sind bis heute in der Bundesrepublik nicht von einer Wissenschaftsdisziplin analysiert worden. Wirtschaftswissenschaftler, Soziologen und Arbeitsrechtler untersuchen in der Regel arbeitsteilig einzelne Aspekte dieses Problemspektrums. In den angelsächsischen Ländern ist dies ganz anders. Dort hat sich schon vor Jahrzehnten ein Wissenschaftsbereich herausgebildet, der unter dem Begriff industrial relations – industrielle Beziehungen – allgemein Anerkennung gefunden hat.

Daß es in der Bundesrepublik kein Unterrichtsfach industrial relations gibt und daß bislang auch keine entsprechenden Lehrbücher veröffentlicht wurden, dürfte im wesentlichen in einer deutschen Spezialität begründet sein. Anders als in den angelsächsischen Ländern ist die Existenz von Gewerkschaften in der Bundesrepublik nie von einer bedeutenden politischen Gruppe in Frage gestellt worden. Und anders als in diesen Ländern ist in der Bundesrepublik auch die Frage des organisatorischen Überlebens von Gewerkschaften angesichts tiefgreifender wirtschaftlicher Veränderungen nicht von Bedeutung gewesen. Das durch arbeitsrechtliche Regelungen unterstützte "System industrieller Beziehungen" in der Bundesrepublik wies in der Nachkriegszeit eine Stabilität auf wie in kaum einem anderen hochindustrialisierten Land.

Wenn heute nun zum erstenmal in der deutschen Wissenschaftsgeschichte ein Lehrbuch zur "Soziologie der industriellen Beziehungen" erscheint, dann ist dies auch ein Indiz dafür, daß sich das deutsche Modell in einer Umbruchphase befindet. Die dritte industrielle Revolution, charakterisiert durch die Verschiebung von der traditionellen Massenproduktion zur Dienstleistungs- und Informationsgesellschaft, konfrontiert die Gewerkschaften mit Problemen, auf die sie kaum Antworten wissen.

Der Autor des Lehrbuchs "Soziologie der industriellen Beziehungen", Professor für Soziologie an der Universität Paderborn, untersucht diese Veränderungen ausführlich: Die erste und zweite industrielle Revolution war gewerkschaftspolitisch relativ einfach zu verarbeiten. In der Berufsgewerkschaft fand die erste, in der Industriegewerkschaft die zweite industrielle Revolution ihre organisatorische Entsprechung. Im dritten Industrialisierungsschub freilich erlangen Berufsgruppen wie Techniker, Ingenieure und Produktionsfacharbeiter eine bedeutende Stellung für den Produktionsprozeß – Gruppen von Arbeitnehmern, für die die Gewerkschaften von geringer Attraktivität sind.

"Es bedarf keiner Prophetie, vorauszusehen, daß die Gewerkschaften ihre schwierigsten Jahre (wenn nicht Jahrzehnte) noch vor sich haben. Den uns vertrauten Massengewerkschaften – primär Organisationen qualifizierter und angelernter Industriearbeiter, orientiert an großflächiger, standardisierter Tarifpolitik, zehrend von der sozialreformerischen Schwungkraft der traditionellen Arbeiterbewegung – drohen gravierende Erschütterungen durch Verschiebungen im gesellschaftlichen Urgestein. Der Ausgang ist ungewiß: allein die Problemzonen können näher bestimmt werden", heißt es in dem Buch. So düster ist das Szenario für die Zukunft der Gewerkschaften in der Nachkriegsgeschichte selten beschrieben worden.

Als Gründe für die zunehmenden Schwierigkeiten gewerkschaftlicher Organisierung nennt Müller-Jentsch neben der zunehmenden Bedeutung neuer Berufsgruppen auch den Verfall der sozialistischen Arbeiterbewegung und die Auflösung des proletarischen Sozialmilieus; die Grenzen des Keynesianismus und wirtschaftspoliticher Strategiewechsel; die Verbetrieblichung oder "Japanisierung" der kollektiven Interessenvertretung; die Spaltung der Gesellschaft in Beschäftigte und Arbeitslose und den Verlust der politisch-progressiven Rolle der Gewerkschaften. Wenn es den Gewerkschaften nicht gelingt; neue Arbeitnehmergruppen zu organisieren, dezentralere Formen der Tarifpolitik zu entwickeln, Arbeitslose zu integrieren und die technologische Entwicklung sozial beherrschbar zu machen, dann ist – so die Prognose des Autors – "die Zukunft der industriellen Beziehungen ... nicht notwendigerweise die der Gewerkschaften".

Düstere Aussichten

Die Analyse gegenwärtiger Gewerkschaftspolitik macht freilich nur den Schlußteil des Buches aus. Die anderen achtzehn Kapitel stellen in systematischer Weise das Problemspektrum industrieller Beziehungen dar. Beginnend mit der Erläuterung von Grundbegriffen und Basisinstitutionen wie "industrielle Beziehungen", "gesellschaftliche Organisation der Arbeit", "industrieller Konflikt" und "industrielle Demokratie" breitet Müller-Jentsch seine Theorie in Kapiteln über "Gewerkschaften", "Arbeitgeberverbände", "Tarifbeziehungen zwischen Kooperation und Konflikt", "betriebliche Arbeitsbeziehungen" und "politische Rahmenbedingungen" aus. Die Darstellung hat insofern ausgeprägt didaktischen Charakter, als sie über konkrete Beispiele zu allgemeinen Fragestellungen vorstößt und diese wiederum häufig in Schaubildern zusammenfaßt.

Der systematische Aufbau des Lehrbuchs folgt stringent den theoretischen Grundannahmen des Autors. Er fühlt sich, wie er selbst in einer Vorbemerkung schreibt, der Kritischen Theorie verpflichtet, jener Theorietradition also, die grundlegende marxistische Annahmen – wie etwa den notwendigen Zusammenbruch des kapitalistischen Systems und den tendenziellen Fall der Profitrate – in Zweifel stellt.

Aus dem Rückgriff auf die Kritische Theorie bezieht der Autor Ideen für seine konflikttheoretischen Analysen des Verhältnisses von Kapital, und Arbeit. Bei der Untersuchung staatlich-regulierender Strategien greift er allerdings auf die Systemtheorie zurück. Diese Kombination von zwei unterschiedlichen Theorietraditionen macht die Darstellung der Grundprobleme industrieller Beziehungen unkonventionell.

Das Buch von Walther Müller-Jentsch läßt sich keiner der großen politischen Strömungen zuordnen. Gewerkschaften und Sozialdemokratie hält es ebenso Versäumnisse vor, wie es die Konzeptionen von Arbeitgeberverbänden und konservativen Parteien einer kritischen Würdigung unterzieht. Die "Soziologie der industriellen Beziehungen" ist deshalb nicht nur für Studenten und Professoren der Industriesoziologie und des Arbeitsrechts ein unerläßliches Grundlagenwerk. Arbeitgebervertreter und Gewerkschafter, Manager und Betriebsräte können ebenso mit Gewinn lesen.

Walther Müller-Jentsch, Soziologie der industriellen Beziehungen. Eine Einführung. Campus Verlag, Frankfurt/New York 1986, 301 Seiten, 29,50 Mark.