Es gab einfachere, Aufgaben für einen Journalisten, als dem darstellungsfrohen hannoverschen Landesbischof Hanns Lilje eine politische Wochenzeitung zu verantworten. Doch für Axel Seeberg, Mitbegründer und von 1954 bis 1969 Chefredakteur des Sonntagsblatts, stellte sich das undramatisch dar. Der Sproß einer Familie von Universitätstheologen im baltischen Dorpat akzeptierte, daß in der Institutionen-Presse im Konfliktfall der Primat nicht ausschließlich beim Chefredakteur lag. Zu Institutionen, alten zumal; hatte sich Seeberg ein staunenswert entspanntes Verhältnis bewahrt.

Geprägt vom Kulturprotestantismus großbürgerlichen Zuschnitts, erlebte Seeberg als Junge das Ende des Ersten Weltkriegs als Schmach von Versailles; um sie zu tilgen, engagierte er sich bis 1933 in der Bündischen Jugend, Bis 1939 dozierte er an der Berliner Hochschule für Politik und pflegte bis 1945 in Ribbentrops Auswärtigem Amt sein Spezialgebiet "Politische Geographie". Unbefangen ordnete Seeberg mit Begriffen wie Deutschland und Nation auch nach 1945 weiterhin die politischen Entwicklungen, wobei dem Status quo seine leidenschaftslose Analyse, Veränderungen dagegen sein gelindes Mißtrauen galt.

In den unruhigen Jahren von 1968 erwies sich der alte Chefredakteur als: unerwartet kundiger Partner jüngerer Kollegen im obligaten Diskurs über Gewalt gegen Sachen und/oder Menschen: Während der französischen Rheinland-Besetzung hatte er eigene Erfahrungen mit Widerstand gesammelt. Ungebrochen blieb bis zuletzt seine Sympathie für junge Leute, die die Welt möglichst mit einem Schlag verbessern wollten. Größer war nur seine Skepsis, ob die bessere Zukunft nicht nur eine Variante der alten Übel sei. Jetzt ist Axel Seeberg im Alter von 82 Jahren gestorben.

Günter Mack