Von Christoph Bertram

Dieser Gastgeber drängt sich nicht ins Rampenlicht. Ruud Lubbers, mit 47 Jahren einer der jüngsten Regierungschefs, die sich in dieser Woche zum Europäischen Rat in Den Haag versammeln, ist zugleich einer der erfolgreichsten. Aber er wird auch diesmal Kollegen aus den anderen europäischen Hauptstädten den Vortritt lassen, um deren politische Zukunft es weniger rosig bestellt ist.

In der Wahlnacht vor einem Monat, als Lubbers wider Erwarten seine Christdemokraten zum Sieg geführt und seine Koalition mit den Rechtsliberalen für weitere vier Jahre erhalten hatte, da. hätte er sich am liebsten vor der sonst von Politikern so geschätzten Fernsehrunde gedrückt. Aber schließlich bequemte der Sieger sich doch in das Wahlstudio des niederländischen Fernsehens; die große Studiohalle betrat er ohne Triumphgebärde, den langen, hageren Körper leicht nach vorn gebeugt, den Kopf unter grauschwarzem Haar ein wenig zur Seite geneigt, ein verhaltenes Lächeln im müden Gesicht. Und doch wußten alle im Saal – die Journalisten und die politischen Eckensteher, die Politiker und Diplomaten und gewiß auch er selbst –, daß Ruud Lubbers und niemand anders heute und für die nächsten Jahre der bestimmende Staatsmann der Niederlande ist.

Zögernd, zweifelnd, tastend wirkt er auf den ersten Blick, wie ein Leopard, der im Dschungel seinen Pfad sucht. Hinter dem immer ein wenig melancholischen Gesicht arbeitet der schnellste Verstand der holländischen Politik. Der 47jährige hätte es nicht nötig, sein Geld in der Politik zu verdienen; er kommt aus einer wohlhabenden Rotterdamer Industriellenfamilie und ist wohl der reichste amtierende Regierungschef Europas. Aber obwohl der Jesuitenzögling und gelernte Volkswirt schon mit 24 Jahren in die väterliche Bau- und Maschinenfabrik Hollandia eintrat, zog es ihn früh in die Politik. 1973 – Lubbers war gerade 34 – holte der Chef der Sozialdemokraten, Joop den Uyl, den jungen katholischen Industriellen mit den progressiven Neigungen als Wirtschaftsminister in sein Kabinett – sehr zur Verwunderung des katholischen Koalitionspartners. Seither ist Lubbers aus der niederländischen Politik nicht mehr fortzudenken. Und obwohl er gern im Kabinett androht, "Freunde, ich stehe zur Verfügung", ist doch offenbar, daß ihm der Abschied nicht leicht fiele. Ruud Lubbers macht Politik, weil es ihm Spaß macht.

Erst allmählich jedoch hat sich seine politische Handschrift ausgeprägt. Als junger Wirtschaftsminister, erinnert sich ein damaliger Kabinettskollege, habe Lubbers mit immer neuen Ideen gelegentlich alle zur Verzweiflung getrieben. Als Fraktionsvorsitzender der 1977 zum Christlich-Demokratischen Appell zusammengefügten religiösen Parteien zeichnete er sich dadurch aus, daß er klare Positionen am liebsten vermied. "Hätte man ihn gefragt, ob es regnet, man wäre aus seiner Antwort nicht schlau geworden", spottet ein erfahrener Journalist. Und auch heute noch ist Lubbers vielen seiner Landsleute ein Rätsel, selbst engen Parteifreunden. "Wenn ich in seine Augen sehe", sagt einer von ihnen, "dann weiß ich nie genau, was er denkt."

Für diese Undurchschaubarkeit gab es in der niederländischen Politik lange Zeit gute Gründe. Der junge Fraktionvorsitzende mußte die frisch fusionierten Christdemokraten (CDA) zunächst davor bewahren, sich über alles und jedes zu streiten – und an Streitlust hat es den niederländischen Religiösen nie gefehlt. Bis die Einzelgruppen zu einer echten Partei zusammengewachsen waren, suchte der Fraktionschef jeden Bruch zu vermeiden und vernebelte die Schwachstellen mit Wortwolken. Wenn auch das nicht half, gab Lubbers lieber zu, daß die Fraktion uneinig ist, als daß er es zu einer Kampfabstimmung kommen ließ.

So geschah es auch bei der leidigen Frage des Nato-Doppelbeschlusses. 1979 waren es nicht linke Sozialdemokraten, sondern uneinige Christdemokraten, die die holländische Regierung zwangen, in der Nato jene Tradition zu begründen, die sich seither fortgesetzt hat: Den Haag behielt sich in einer Fußnote die Entscheidung vor, ob und wann auch in den Niederlanden stationiert würde. Und keine andere Frage hat Lubbers in den letzten vier Jahren so umgetrieben wie die umstrittene Stationierung der 48 Cruise Missiles. Wie er als Ministerpräsident das dornige Problem politisch entschärft und doch schließlich im Sinne des westlichen Bündnisses entschieden hat, das habe, so ein westlicher Diplomat zu Recht, Ruud Lubbers als Staatsmann ausgewiesen.