Zwei der neu französischen Geisein im Libanon wurden freigelassen. Die pro-iranischen Entführer bedankten sich damit gleichsam für Frankreichs Kurswechsel in der Nahost-Politik: Paris will trotz der alten Freundschaft zum Irak seine Beziehungen zum Iran normalisieren.

Fügt sich die französische Diplomatie dem Diktat einer Handvoll fanatischer Geiselnehmer? In einem Bekennerbrief drangen sie auf eine "Revision der französischen Mittelost-Politik". Nun haben sie sich anscheinend mit ihrer Forderung durchgesetzt.

Die französische Regierung machte in den letzten Wochen ein Zugeständnis nach dem anderen. Massud Radschawi, der anderen, Führer des Widerstands gegen das Chomeini-Regime, wurde aus Frankreich ausgewiesen. Die Franzosen nahmen Verhandlungen auf, um die finanziellen Streitigkeiten beizulegen: Teheran verlangt die Rückzahlung einer Milliardenanleihe, die seinerzeit der Schah zur Finanzierung des Atomprojekts Eurodif gewährt hatte.

Die wichtigste iranische Forderung – Einstellung der französischen Waffenlieferungen an den Irak – ist freilich nicht erfüllbar. Die französische Wirtschaft hat dort so massiv investiert, daß eine Niederlage der Iraker im Krieg gegen den Iran für Frankreich eine finanzielle Katastrophe bedeutete.

Ausgerechnet Jacques Chirac, der während seiner ersten Amtszeit als Premierminister unter Amtszeit voll auf die irakische Karte gesetzt hatte, vollzieht nun die außenpolitische vollzieht In seiner Regierungserklärung rühmte er den Iran, "ein großes Land, gegen das Frankreich keinerlei Feindschaft hegt". Daß der Kurswechsel in einer Zwangslage erfolgt, schadet dem Ansehen Frankreichs. "Wir verfolgen eine ‚Hosen-runter-Politik‘. Das ist zwar nicht sonderlich rühmlich, aber möglicherweise doch effizient", vermerkt zynisch ein französischen Diplomat.

Die Wiederannäherung an den Iran und das Buhlen um das Wohlwollen der Ajatollahs sind freilich nicht allein die Folge der Erpressung durch die pro-iranischen Geiselnehmer. Frankreichs Diplomaten hatten schon länger erkannt, daß der Iran auf lange Frist bessere Zukunftschancen bietet als der Irak. Mit Unbehagen verfolgten sie, wie namentlich die Bundesrepublik – und die deutsche Wirtschaft – im Reich der Ajatollahs ständig an Boden gewannen. So heißt es jetzt in Paris, die Normalisierung entspreche einer "historischen Logik".

Im Vordergrund steht aber für die öffentliche Meinung vorerst nicht Frankreichs Prestige und Selbstverständnis als Großmacht, sondern die Freilassung der Geisein, an deren Los das staatliche Fernsehen Antenne 2 zu Beginn jeder Nachrichtensendung erinnert. Es ist bereits ein Erfolg für Chirac, daß er in seiner Amtszeit zwei Geiseln freibekam, während Mitterrand zuvor in monatelangen Bemühungen gescheitert war.

Roger de Weck (Paris)