Von Barbara Ungeheuer

Die massige Figur der bronzenen Frau ist von Kopf bis zu den Zehenspitzen mit Grünspan bedeckt. Das kalte Gesicht starrt blindlings durch den Nebel auf die Weiten des Ozeans, so als ob die Bronze auf die Sonne wartete, damit sie ihren toten Augen das Licht bringen werde. Fast ohne Grund unter den Füßen, scheint sie auf einem Podest versteinerter Wellen aus dem Meer zu steigen. Ihr Arm, hoch über den Ozean und die Masten der Schiffe gestreckt, verleiht ihrer Pose eine stolze Majestät und Schönheit..." So beschrieb Maxim Gorki seine erste Begegnung mit der Freiheitsstatue, als er, aus Rußland verbannt, 1905 im New Yorker Hafen ankam. Ein kleines polnisches Mädchen, das neben ihm stand, wollte wissen, wer diese wundersame Figur denn sei. Und jemand antwortete: "Das ist der amerikanische Gott."

Siebzehn Millionen Einwanderer haben jenen Moment ihren Kindern und Enkeln beschrieben, auf italienisch und walisisch, jiddisch und deutsch. Und wenn nicht mit den Worten des Poeten, so doch immer mit Herz und Gefühl. Wenn jetzt am 3. Juli Millionen von Amerikanern zum 100. Geburtstag der Statue nach New York kommen, dann wird nicht nur die restaurierte alte Dame gefeiert, sondern auch der Ahnen wird gedacht, die sich von ihrer Fackel ins Neuland hatten führen lassen.

"Amerikanischer Gott?" Schon wenige Jahre nach der Enthüllungszeremonie im Oktober 1886 hatte die Statue – das Geschenk der französischen Nation – einen anderen Namen und eine neue symbolische Bedeutung erlangt. Der in Paris erbaute 254 000 Kilo schwere Koloß hieß bald nicht mehr "Freiheit, die die Welt erleuchtet", wie ihn sein Schöpfer Frederic Auguste Bartholdi getauft hatte, sondern schlicht Miss Liberty, ureigenstes Wahrzeichen der Vereinigten Staaten. Uncle Sam, das Totem der ersten 150 Jahre, verlor an Statur mit jedem neuen Schiff, das die Neusiedler an der Statue vorbei zur Durchgangsschleuse von Ellis Island brachte. Von der riesigen Empfangshalle auf dieser Insel, wo die Emigranten dichtgedrängt auf ihren Einlaßstempel harrten, sahen sie die gewaltige Frau dort drüben: Sie, die selbst einmal Emigrantin war, den Stolz und die Würde des Neubürgertums verheißend.

Die Biographie der Freiheitsstatue gehört zu einer der vielen Ironien in der Geschichte zwischenstaatlicher Beziehungen. Denn was die Franzosen mit ihrem Geschenk bezweckten, für das über hunderttausend Bürger gespendet hatten, wurde von den amerikanischen Empfängern in kürzester Zeit wieder vergessen. Die Statue, die die besondere Freundschaft und das gemeinsame Freiheitsideal der beiden Länder symbolisieren sollte, übernahm sehr schnell die Rolle, die ihr der Standort anbot. Als "Mutter der Exilierten" hatte sie bereits 1886 eine junge Dichterin vorgestellt:

"Bring mir deine Müden, deine Armen / deine zusammengekauerten Massen, die sich nach Freiheit sehnen, / Der erbärmliche Abfall deiner überfüllten Küsten, / Schick sie mir, die Obdachlosen, vom Sturm gepeitschten. / Ich erhebe mein Licht neben der goldenen Pforte!" Emma Lazarus, deren Gedicht erst nach ihrem Tode 1903 in das Podest der Statue eingemeißelt wurde und die nie erfahren sollte, daß ihre Interpretation bald Weltgeltung erlangen würde, hatte, wie viele New Yorker, Frankreichs Motive, für das Geschenk nie richtig verstanden.

Und in der Tat waren die Motive auch nicht so altruistisch wie sie in den vielen Ansprachen dargestellt wurden, die die 16jährige Entstehungszeit begleiteten. Die Idee für ein solches Geschenk an die USA entstand in einer bestimmten innenpolitischen Lage Frankreichs in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Die Republikaner, denen Napoleon III. in einem Staatsstreich 1851 die Macht entrissen hatte, suchten nach Mittel und Wegen den neuen Cäsar loszuwerden, ohne das Risiko einer chaotischen Revolution eingehen zu müssen. Der bekannte Pariser Jurist und Autor einer dreibändigen Geschichte der Vereinigten Staaten, Edouard René Lefebvre de Laboulaye, verkündete die Idee der Statue zum erstenmal während eines Abendessens auf seinem Landsitz bei Versailles. Als großer Bewunderer von Abraham Lincoln und der republikanischen Regierungsform à l’americaine erhoffte sich Laboulaye von dieser Gabe ans amerikanische Volk eine Art Impuls von außen.