Von Volker Mauersberger

Madrid, im Juni

Nur ein einziges Mal kam an diesem sommerlichen, leicht windigen Wahlabend in Madrid ein Anflug von Spannung und dann sogar von Nervosität auf, zwei Stunden nach Schließung der Wahllokale. In einer riskanten, fast waghalsigen Hochrechnung hatte das spanische Fernsehen schon wenige Minuten nach 20 Uhr die absolute Mehrheit der Sozialisten, eine numerische Stagnation des konservativen Oppositionsbündnisses "Volkskoalition" und den erwarteten Achtungserfolg für den Einzelkämpfer Adolfo Suárez prognostiziert. Mitten in die ersten analytischen Betrachtungen hinein platzte die Nachricht von krassen Fehlprognosen, falschen Trendmeldungen und Ungenauigkeiten.

Im Nobel-Hotel Palace, in dem die Regierungspartei PSOE ihr Wahlquartier eingerichtet hatte, schlug die Siegesfreude für einige bange Minuten in Ratlosigkeit um. Sollten die Gerüchte stimmen, wonach es einen politischen Erdrutsch gegeben, Felipe Gonzales die absolute Mehrheit verloren hatte? Seit die Demoskopen im vergangenen März den Ausgang des Nato-Referendums falsch vorhersagten und "Felipe" eine sichere Niederlage prophezeiten, sind die Zweifel an den Meinungsumfragen gestiegen – und diese Skepsis wurde auch auf jene "sondeos" übertragen, die das Ergebnis zum erstenmal in der spanischen Parlamentsgeschichte hochgerechnet hatten. Im Menschengewühl des Madrider Palace, verflog die Spannung erst beim bedächtigen Auftritt des stellvertretenden Ministerpräsidenten: Kühl-routiniert verkündete Alfonso Guerra die absolute Mehrheit von 184 Sitzen für die regierende PSOE, den Verlust von einer Stimme für die konservative Coalición Popular, den Sprung von bisher zwei auf neunzehn Sitze für den Ex-Premier Adolfo Suárez – und jenen bedenklichen Stimmenzuwachs der baskischen Minderheitsgruppe Herri Batasuna, die als politischer Arm der Terrororganisation ETA mit fünf Sitzen in das Parlament einzog. Die "Bestürzung" über diesen fragwürdigen Erfolg wog schwerer als die Verblüffung darüber, daß die mit großem publizistischen Aufwand lancierte Operation Reformista des Katalanen Miguel Roca vor der Tür geblieben war.

Spaniens hochkonservative Finanzwelt, die Unsummen in diese Parteigründung investiert hatte, hat eine schallende Ohrfeige erhalten.

Der Gewinn der absoluten Mehrheit für die Spanische Sozialistische Arbeiterpartei war gewiß ein eindrucksvoller Vertrauensbeweis für den 44jährigen Felipe Gonzalez. In den Jubel seiner Anhänger hinein sprach er von einer "neuen Etappe für Spanien" und warb um die Unterstützung aller Spanier für die Arbeit der kommenden Jahre. Die leise Enttäuschung darüber, daß die PSOE gegenüber 1982 achtzehn Sitze verlor, stand manchem seiner engsten Mitarbeiter im Gesicht geschrieben. Im zweiten erfolgreichen Anlauf zur Macht hat Spaniens sozialistische Regierung zwar noch einmal das Vertrauen, aber auch einen empfindlichen Dämpfer erhalten.

Schon im Verlauf des kurzen und gegen Ende hitzig geführten Wahlkampfs war zu spüren, daß unter den Spaniern die Verdrossenheit über erhöhte Arbeitslosigkeit, Inflation, Kriminalität oder die immer noch mangelhafte Gesundheitsversorgung wächst. Bei bürgerlichen Anhängern richtete sich der Zorn gegen jene angebliche "Arroganz der Macht", mit der sich die Sozialisten in ihren Regierungsetagen eingerichtet hatten. Gewiß floß in solchen Unmut auch die Enttäuschung darüber ein, daß sich Spaniens Sozialisten sehr rasch zu Repräsentanten einer gemäßigten Sozialdemokratie gewandelt haben, die sich außenpolitisch nicht nur zur EG, sondern auch zu der weithin verketzerten Nato bekennen und die innenpolitisch neben den Gewerkschaften auch die Unternehmensverbände umwirbt. "Sie haben endgültig ihre politische Unschuld verloren", schrieb anklagend die angesehene Zeitung El Pais. Damit waren eher Stil und Praxis einer Regierung gemeint, die sich eigenmächtig in die Rechte von Funk, Fernsehen und Presse einzumischen schien und die in Behörden und Verbänden eine Beförderungspolitik nach dem Parteibuch betrieb. Als der einstige "Hurricane" Felipe gar die Franco-Yacht "Azor" für den Ferientrip nach Portugal bestieg, schien jene Korrumpierung vollends klar zu sein, die den im Moncloa-Palast abgeschirmten Premierminister befallen hatte – das vieldeutige Wort vom "Sindrome de la Moncloa" war für die nun folgende politische Auseinandersetzung geboren.