Tagtäglich benutzen Zigtausende die Autobahnen Westdeutschlands. Auf den blitzblanken Fahrstreifen fühlen sie sich sicher: Nicht der kleinste Gestrüppzweig, geschweige Unrat, behindert die Fahrt. Wer aber sorgt sommers und winters, Tag und Nacht für diese als selbstverständlich hingenommene Sicherheit? Exakt 135 Autobahnmeistereien und 584 Straßenmeistereien in der Bundesrepublik.

Eine der 135 Autobahnmeistereien hat ihren Sitz in Rüsselsheim. Sie ist gleichzeitig Autobahnverkehrszentrale für Hessen. Zur Zeit hat Hans Bender Telephondienst. Vor ihm liegt das Notruftagebuch. Jeder Anruf wird eingetragen. Hans Benders Sichtfeld nach draußen umfaßt die Einfahrt und den Hof der Autobahnmeisterei, der vom Salzlagerungsschuppen, von Reparatur- und Unterstellhallen für die verschiedenen Fahrzeuge begrenzt wird.

Hans Bender blickt in viel Grün, denn die Autobahnmeisterei liegt abseits der A 67 im Wald. Dennoch ist ein stetes Surren zu hören. Es dringt von der Autobahn herüber. Würde dies Surren plötzlich enden, "wäre etwas nicht in Ordnung". Das Surren garantiert, daß der Verkehr fließt. Jetzt läutet das Telephon. Hans Bender nimmt den Hörer ab. Auf dem Bildschirm erscheint die Standortangabe der Notrufsäule, von welcher der Anruf erfolgt. Ein Verkehrsteilnehmer meldet, daß sich ein Radfahrer, gemächlich dahinzuckelnd, mitten auf der Autobahn befände, es sei ein alter Mann. Bender gibt den Anruf weiter an die zuständige Polizeiautobahnstation. Die muß nun den Senior ausfindig machen und ihn tunlichst rasch überreden, Leib und Leben einem geruhsameren Verkehrsweg anzuvertrauen.

Alle Anrufe, die von Notrufsäulen kommen, werden weitergegeben. Handelt es sich um bloße Pannenhilfe, treten die Straßenwachtfahrer der Automobilclubs in Aktion. Bei Unfällen sieht die Sache anders aus. Der aufgeregte, oft unter Schock stehende Anrufer wird mit eiserner Ruhe befragt. Sind Last- oder Tankzüge am Unfall beteiligt? Wie viele Menschen sind verletzt? Gibt es Tote am Unfallort? Nach Gesprächsende werden Polizei und die Rettungsleitstellen der Unfallhilfedienste benachrichtigt. Je nach Schwere des Unfalls machen sich Notärzte, Krankenwagen auf den Weg. Feuerwehrwagen, ausgerüstet zum Herausschweißen von Eingeklemmten, rücken an. Schon längst ist die Einsatzbereitschaft der Autobahnmeisterei losgerast. Sie übernimmt die Unfallstellensicherung: Streckenabsperrung, Umleitungen. Sie macht zu guter Letzt die Fahrbahnstreifen wieder befahrbar, nämlich sauber von Unfallrückständen, auch von Blut.

32 Mitarbeiter sind in Rüsselsheim aufeinander angewiesen. Sie kommen aus sehr verschiedenen Berufen. Ob Schlosser, Elektriker, Gärtner – jeder wird gebraucht, und jeder dieser Straßenwärter (heute Lehrberuf) muß sich in die ständig unter Abrufdruck arbeitende Gemeinschaft einfügen. Das wird nicht nur von den Männern, sondern auch von deren Frauen und Kindern verlangt. Ein Teil der 32 müssen sich mit der sogenannten "Residenzpflicht" abfinden. Das heißt, sie und ihre Familien wohnen innerhalb des Geländes der Autobahnmeisterei. Sie leben in Einzel- und in Reihenhäusern. Die dunklen Klinker funkeln in der Sonne. Jede Familie hat einen Garten. An die Gärten schließt sich ein von Bäumen beschatteter Gemeinschaftsplatz an. Hier wird gegrillt, werden Feste gefeiert. Zweifellos eine Idylle – jedoch nur, solange alle Beteiligten einig sind.

Gerhard Horn, Leiter der Autobahnmeisterei, weist darauf hin, daß bei der Auswahl der platzansässigen Mitarbeiter keine Fehlwahl unterlaufen darf. Es würde den Arbeitsfrieden gefährden. "Streitigkeiten werden bei einem Glas Bier besprochen und beseitigt. Und da uns niemand sonst stört, klappt es auch." Das ist glaubhaft. Ein durchaus nicht selbstverständliches Achtungsverhältnis ist im Umgang der Männer untereinander spürbar.

Eben rückt eine Kolonne mit ihrem Kolonnenführer zur Autobahn aus. Es fallen gärtnerische Arbeiten am Mittelstreifen und neben der Standspur an. 95 Hektar Grünfläche gehören zum Versorgungsbereich der Autobahnmeisterei Rüsselsheim. Sträucher sind zu stutzen, kahle Stellen im "Autobahnbegleitgrün" nachzubepflanzen. Gras, das die Leitplanken verdecken könnte, muß gemäht werden. Alle Wasserabläufe werden von Blättern und Abfall befreit, Schilder und Pfosten gewaschen. Von den Parkplätzen wird der Müll entfernt. Unter den Hinterlassenschaften befinden sich auch Matratzen, ausrangierte Sofas. "Irgendwer wird den Dreck schon wegholen." Mit dieser Ansicht verdeutlichen Autobahnbenutzer ihre So--zialgesinnung.