Zum PEN-Kongreß in Hamburg: Ein baschkirischer Autor schreibt aus der psychiatrischen Anstalt

Dir zu schreiben, mein Freund Sascha, ich befürchte, daß Du meinen Brief als einen Brief aus dem Irrenhaus lesen wirst (woher denn sonst, wirst Du mit den Schultern zucken). Aber ich habe niemanden, dem ich schreiben könnte, den ich bitten könnte, um das Allerletzte, das Allermenschlichste. Aber noch mehr befürchte ich, daß man auf mich die besonders schweren Präparate anwenden wird und ich mich im Zustand eines Idioten befinden werde, sogar in den letzten Tagen. Daher, vernimm den Freund, Sascha.

Die Umstände zwingen mich dazu, Dir so zu schreiben, wie ich an niemanden und niemals geschrieben habe. Dies ist ein Brief und kein Testament, eine notwendige Klärung und keine posthume Notiz – das solltest Du im Blick haben! Gerate nicht in Panik!

Mir geht es sehr schlecht, Sascha, niemals habe ich solche Leiden erduldet, niemals war auch meine Lage hoffnungsloser. Ich bin aus der Gesellschaft herausgefallen, aus dem Wirkungskreis ihrer Gesetze, ich bin absolut rechtlos, entpersönlicht, ja sogar entmenschlicht. Kannst Du die Lage verstehen, die eines "sozial gefährlichen Geisteskranken" in unserem Lande – und um so mehr meine – die eines "besonders gefährlichen Staatsverbrechers". Es gibt nur einen Weg, allen diesen Qualen zu entgehen (außer den Gewissensqualen), nur eine Möglichkeit, von hier herauszukriechen – das ist, sich selbst zu verraten und von hier wegzugehen, schon nicht mehr als Nizametdin Achmetov. Dieser Weg ist für mich verboten, und das bedeutet aber, sie werden Nizametdin Achmetov bis zum Nichts auf dem Mühlstein der "Staatssicherheit" zerreiben.

Selbstverständlich bin ich nicht krank. Dennoch befinde ich mich in einer Anstalt, die über Mittel verfügt, aus mir einen Kranken zu machen. Das ist keine Übertreibung: Die Psychiatrie ist jetzt an die Grenze gekommen, die seinerzeit die Physik erreicht hatte, als sie den Urankern gespalten hat. Gegen mich steht nicht nur dieser eine Mensch mit dem weißen Kittel über der MWD-Uniform – hinter seinem Rücken steht der Staat. Ohne Zweifel, ich werde zerrieben. Eine unerträgliche Quälerei, diese sogenannte "Behandlung".

Ich weiß, daß man von mir als von einem Menschen spricht, der sein Vaterland verleumdet. Dies ist nicht so, Sascha: Ich liebe meine Heimat, weil ich meine Mutter liebe, mein Land, mein Volk.

Mein Verhältnis zur gegenwärtigen Staatsmacht und Ideologie in der Heimat ist natürlich nicht freundschaftlich – und das führt zur Fehleinschätzung: Es wird versucht, meinen Konflikt mit der Macht als einen Konflikt mit dem Vaterland darzustellen. Aber die Macht und das Vaterland sind nicht ein Begriff, Vaterland bleibt Vaterland bei jeder beliebigen Staatsmacht. Ich bin mehr Russe, als viele Russen es sind, ich bin aufgewachsen auf russischem Boden und mit russischer Kultur, ich denke auf russisch, aber national denke ich in einer anderen Sprache: Ich bin für echte und freiheitliche Gleichberechtigung aller Nationen und Völker, ich bin gegen den Chauvinismus und dagegen, daß man andere Länder an die Wagen der Großmächte bindet.