Beifall bei der FDP, der SPD und bei Abgeordneten der CDU/CSU." Diese Beobachtung der Bundestagsstenographen findet sich in letzter Zeit immer öfter im Protokoll bei den Reden des Außenministers. In der Debatte über Südafrika zum Beispiel, als Genscher erklärte: "Antikommunismus ist kein Ersatz für Menschenrechte", oder als er forderte: "Die Apartheid muß in allen ihren Erscheinungsformen beseitigt werden." Der Beifall der Sozialdemokraten blieb freilich aus, als sich Genscher gegen wirtschaftliche Sanktionen aussprach.

Noch eindeutiger war das Koalitionsgrenzen übergreifende Zustimmungsmuster in der Aktuellen Stunde, die der Kritik von Strauß an der auswärtigen Kulturpolitik gewidmet war. "Was ist denn das Positive unseres kulturellen Lebens?" fragte Genscher und gab die Antwort: "Das ist doch gerade seine Pluralität." Da klatschte sogar ein Grüner. Hier – wie übrigens auch bei der Rede des Altbundespräsidenten Scheel zum 17. Juni – wurde jene außenpolitische Kontinuität deutlich, die ein Teil der Union zu akzeptieren oder hinzunehmen bereit ist, die aber viele Christdemokraten mit höchstem Widerwillen verfolgen.

Die Außenpolitik Genschers jedenfalls sprengt das Zwei Lager-System, wie es Bangemann vertritt. Genscher hat dies, ohne den Parteivorsitzenden zu nennen, so ausgedrückt: Die FDP habe "dafür zu sorgen, daß unser Land nicht in zwei feindliche Lager zerfällt". Und auch seine Warnung, "die FDP muß sich zuerst als liberale Partei verstehen und erst in zweiter Linie als Koalitionspartner", zeigt, wie sehr es Genscher darum geht, daß die FDP nicht in dem einen Lager verschwindet.

Das hat im übrigen auch praktische Konsequenzen, jedenfalls für die Landespolitik. Wo Genscher über ein mögliches Bündnis der Liberalen mit der SPD in Hamburg spekulierte, warnte Generalsekretär Haussmann vor Koalitionsdiskussionen. Diese Debatte ist tatsächlich für die FDP nicht einfach zu führen. In Hamburg Auflockerung und zwei Monate später im Bund Stärkung der CDU/CSU-FDP-Koalition: Das bedarf schon intelligenter Politik und intelligenter Wähler.

Auflockerung – das war ja ein Stichwort Genschers während der sozial-liberalen Koalition, zunächst als Gegenposition zum "historischen" sozial-liberalen Bündnis, später zur Vorbereitung des Koalitionswechsels. Kein Wunder, daß Sozialdemokraten und Christdemokraten die Ohren spitzen. Benützt Genscher wieder das alte Rezept: Öffnung der Optionen?

Alarm oder Hoffnung kommen freilich zu früh. In der Wirtschafts- und Sozialpolitik ist für Genscher die Aufgabe dieser Bonner Koalition noch nicht erfüllt. Vorläufig handelt es sich um ein Spiel mit verteilten Rollen. Um erfolgreich bei der Bundestagswahl zu sein, braucht die FDP beides, die Bangemannsche Garantie der festen Zugehörigkeit zum Lager und die Genschersche Betonung der liberalen Sonderrolle. Die Garantie erlaubt es bürgerlichen Wählern, sorgenlos die Stimme der FDP zu geben, die Sonderrolle liefert ihnen eine Begründung. Rolf Zundel