Die Wertpapierberater setzen auf ausgesuchte Qualitätstitel

In den Prognosen war es schon vorhergesagt: Der deutsche Aktienmarkt wird sich nach dem Boom im vergangenen Jahr 1986 in unruhigeren Bahnen bewegen. Und so ist es bisher auch gekommen. Auf kurzfristige Kursaufschwünge folgten heftige Abwärtsbewegungen, und insgesamt liegen die Kurse jetzt auf dem Niveau zum Beginn des Jahres.

Da kann es schon vorkommen, daß mancher Investor auf dem falschen Fuß erwischt wird, wenn er zu einem ungünstigen Zeitpunkt Aktien kaufte oder verkaufte. Die Entwicklung der Kurse nach der Niedersachsenwahl ist dafür ein gutes Beispiel.

Dennoch sind die Wertpapierberater in den deutschen Kreditinstituten nach wie vor zuversichtlich, daß das Börsenklima wieder freundlicher wird. Sie glauben auch gute Argumente zu haben, ihren Kunden, deutsche Aktien weiterhin zu empfehlen. An den positiven wirtschaftlichen Eckdaten hat sich eigentlich nichts geändert, und die Aktien sind mit einem Kurs/Gewinn-Verhältnis von nicht einmal zwölf im internationalen Vergleich ausgesprochen preiswert. Aber es fehlen die Käufer, und bald kommt die Urlaubszeit. So wird dem deutschen Markt die vielzitierte Sommerflaute in diesem Jahr wohl nicht erspart bleiben. Für Börsianer bedeutet das: Schleppender Handel, geringe Umsätze und wenig Hoffnung auf flotte Kurssteigerungen in den Sommermonaten.

Vor diesem Hintergrund raten die meisten Banken denn auch, die für die nächsten Wochen zu erwartende langweilige Phase an der Börse für preiswerte Anschaffungen zu nutzen. So verweist etwa das Bankhaus Georg Hauck & Sohn in einer Studie auf den Reifenhersteller Conti Gummi. Die Gesellschaft rückte mit der Übernahme einer Mehrheitsbeteiligung von 75 Prozent an der österreichischen Semperit AG vom zwölften auf den achten Platz der weltweit größten Reifenproduzenten vor. Bereits im vergangenen Jahr stieg das Ergebnis pro Aktie von neun auf siebzehn Mark. Für viel Gesprächsstoff sorgen die Hannoveraner zur Zeit mit ihrem neuentwickelten pannensicheren Reifen, der 1988 die Serienreife erlangen soll. Die Aussicht auf lukrative Lizenzen aus diesem Projekt lassen nach Ansicht der Hauck-Analysten höhere Erträge für die kommenden Jahre erwarten. Trotz der leicht überdurchschnittlichen Börsenbewertung – das Kurs/Gewinn-Verhältnis liegt bei vierzehn – erscheint die Aktie dem Frankfurter Bankhaus – besonders auf mittlere bis langfristige Sicht – sehr attraktiv.

Ein gutes Zeugnis stellt die Bayerische Hypotheken- und Wechselbank dem Chemiespezialisten Goldschmidt aus. Das vergangene Geschäftsjahr bescherte den Essenern ein Umsatzplus von 40,2 Prozent, wozu die nun voll übernommene Tochter Keram Chemie wesentlich beitrug. Goldschmidt befindet sich in einer dreijährigen Aufwärtsphase, die besonders durch die zusammengefaßten Sparten anorganische Produkte und Metallchemie beflügelt wurde. Die erfreuliche Entwicklung läßt nach Ansicht der bayerischen Wertpapierexperten weitere Ertragszuwächse erwarten, was der Goldschmidt-Aktie anhaltenden Rückenwind verleihen sollte.

Eine günstige Einstiegsmöglichkeit bietet sich der Landesbank Rheinland-Pfalz zufolge wieder bei Siemens an. Die Bank verweist darauf, daß die innovative Elektroindustrie mit einer erwarteten Wachstumsrate von sieben bis acht Prozent in diesem Jahr zu den dynamischsten Industriezweigen zählt. Die konjunkturelle Belebung hat dabei die gesamte Breite der Produktpalette erfaßt. Trotz der Schwäche im Kernkraftgeschäft schätzen die Pfälzer die Aussichten für den Branchenprimus, der es im ersten Halbjahr auf einen nahezu unveränderten Gewinn brachte, zuversichtlich ein. Der auf hoher Liquidität gebettete Technologiekonzern legt seine Schwerpunkte in den strategisch wichtigen Gebieten der Büro- und Produktionsautomatisierung und ist zudem im zukunftsträchtigen Kommunikationsbereich tätig. Stark in die Offensive geht Siemens auf dem für das Münchener Unternehmen bedeutendsten Markt, den USA, wo an weitere Akquisitionen gedacht wird. Die Münchener erhielten als erste ausländische Gesellschaft den Auftrag zur Errichtung von Telephonvermittlungsanlagen jenseits des Atlantiks, und zwar im amerikanischen Bundesstaat Wisconsin. Die hohe Finanz- und Ertragslage sowie das geschätzte Ergebnis pro Aktie in Höhe von sechzig Mark sprechen auf dem gedrückten Kursniveau nach Ansicht der Landesbank für ein Engagement in Siemens.