Krieg der Sterne: Zu hoch gegriffen

In Washington mehren sich die kritischen Stimmen gegen die Weltraumpläne des Präsidenten

Von Bruce van Voorst

Washington, im Juni

Senat und Repräsentantenhaus müssen zwar noch über den von Präsident Reagan vorgelegten Verteidigungsetat für das Haushaltsjahr 1987 entscheiden, aber die wichtigsten Ausschüsse der beiden Kammern im amerikanischen Kongreß haben schon signalisiert, daß die Mittel für die Lieblingsidee des Präsidenten, die Strategische Verteidigungsinitiative (SDI), drastisch gekürzt werden. Eine Gruppe von 48 Senatoren aus beiden Parteien – darunter der erzkonservative republikanische Senator Orin Hatch – hat sich gar für noch weitergehende Kürzungen ausgesprochen. Damit ist offensichtlich, was Les Aspin, der Vorsitzende des Streitkräfteausschusses im Repräsentantenhaus, formuliert: "SDI ist in ernsthaften Schwierigkeiten."

Die überparteiliche Befürwortung drastischer Kürzungen am SDI-Etat kam nicht überraschend. Die vom Präsidenten ursprünglich beantragten 5,4 Milliarden Dollar war bereits vorher öffentlich als unseriös kritisiert worden. Denn sie wurde just zu dem Zeitpunkt gefordert, da das Gramm-Rudman-Gesetz den Kongreß zu Streichungen sowohl bei den Militär- als auch bei den Sozialausgaben zwingt.

Aber darüber hinaus spiegeln die voraussichtlichen Haushaltseinsparungen bei SDI wider, wie weit das Programm – vom Präsidenten einst als visionäre Anstrengung angekündigt, die Atomwaffen "obsolet und wirkungslos" zu machen – immer mehr zu einem von vielen Projekten wird, das mit anderen Haushaltsmitteln konkurriert. Zwar hält der Präsident an seinem Glauben fest, ebenso sein Verteidigungsminister Caspar Weinberger, der nicht müde wird zu verkünden, daß ein "vollkommen verläßliches System" zum Schutz militärischer und ziviler Ziele möglich sei. Doch wie der frühere Sicherheitsberater der Präsidenten Kennedy und Johnson, McGeorge Bundy, jüngst formulierte: "Der Präsident und sein treuer Stimmungsmacher Weinberger sind wahrscheinlich die beiden letzten Menschen auf der Welt, die noch an die Vision glauben."

Vielmehr gilt inzwischen weithin, sogar unter der SDI-Gefolgschaft, als ausgemacht, daß die Idee des Präsidenten von einem "Astrodom", das über Amerika und seine Verbündeten gestülpt würde, unrealistisch ist, zumindest auf absehbare Zeit. General Malcolm O’Neill, ein hoher SDI-Planer, hat kürzlich zugegeben, die "perfekte" Verteidigung sei ein "Pappkamerad".

Krieg der Sterne: Zu hoch gegriffen

Auch Richard Perle, vielleicht der einflußreichste Mann im Pentagon, äußert sich zurückhaltend: "Aus meiner Sicht wäre ein SDI-Programm schon dann ein großer Erfolg, wenn dadurch das Vertrauen, das die Sowjets in die Durchführbarkeit eines Angriffes gegen unser Land oder seine Verbündeten setzen, soweit erschüttert würde, daß die Abschreckung verstärkt und die Sowjets davon abgehalten würden, einen Angriff zu starten."

In der Tat haben SDI-Planer in einem geheimen Bericht an den Kongreß argumentiert, "die langfristige Bedeutung von SDI liegt in der Möglichkeit, die gefährlichen Trends in der sowjetischen Rüstung umzukehren, indem die Abschreckung auf eine bessere, stabilere Gundlage gestellt wird". Dies bedeutet eine gewaltige Verschiebung des ursprünglichen Ziels. SDI wird nun nicht mehr als Ersatz für die viel geschmähte Strategie der "gesicherten gegenseitigen Zerstörung" betrachtet, sondern als Verstärkung der Abschreckung.

Diese Erkenntnis hat in Washington eine gründliche Diskussion ausgelöst. Sie kreist vor allem um die Frage, welche Rolle SDI, wenn überhaupt, in den Rüstungskontrollverhandlungen mit der Sowjetunion spielt. Verteidigungsminister Weinberger und, so scheint es, Präsident Reagan lehnen jedes Zugeständnis bei SDI im Austausch für Begrenzungen oder Reduzierungen der sowjetischen Offensivwaffen ab. Weinberger sieht die gegenwärtige Serie neuer sowjetischer Abrüstungsvorschläge als den "indirekten Versuch, SDI den Garaus zu machen". Aber die Weinberger-Fraktion ist in einer unangenehmen, weil widersprüchlichen Situation: Auf der einen Seite will sie keinerlei Verhandlungen über die Begrenzung von SDI; auf der anderen Seite räumt sie ein, daß die Sowjetunion auf ein amerikanisches SDI-Programm wahrscheinlich nicht nur mit dem beschleunigten Ausbau eines eigenen Raketenabwehrsystems im Weltraum reagieren wird, sondern durch die enorme Vermehrung ihrer offensiven Interkontinentalraketen, um so die amerikanische Abwehr im Ernstfall zu "saturieren".

Die Aufmerksamkeit richtet sich aber ebenso auf die Folgen, die sich aus einem unbeirrten Festhalten an den SDI-Plänen Reagans ergeben könnten. Jack Ruina, Professor am Massachusetts Institute of Technology, sagt: "Ich habe nichts gegen ein sorgfältiges SDI-Forschungsprogramm. Aber ich halte es für unverantwortlich, wenn lange vor seinem Abschluß weitreichende Entscheidungen über unsere Sicherheit getroffen werden." Ruina und viele andere wehren sich vor allem gegen die offenkundige Bereitschaft der Reagan-Regierung, den sowjetisch-amerikanischen Vertrag über Raketenabwehrsysteme (ABM) aus dem Jahre 1972, der die Entwicklung, Erprobung und Aufstellung von seegestützten, landgestützten, mobilen oder weltraumgestützten Anti-Raketensystemen oder deren Komponenten verbietet, umzudeuten. Bis 1985 wurde es so ausgelegt, daß alles verboten ist, was über die Erforschung von Teilelementen einer weltraumgestützten Verteidigung hinausgeht. Die SDI-Lobby hat jedoch diese Beschränkungen uminterpretiert, um die Forschung, das Testen und sogar die Aufstellung von Weltraumsystemen zu rechtfertigen. Präsident Reagan hat es fürs erste zwar abgelehnt, sich nach dieser neuen Auslegung zu richten. Aber er behauptet kategorisch, daß er sie für rechtlich einwandfrei hält.

Auf die eine oder andere Weise jedoch, räumt der Chef des SDI-Programms, Generalleutnant James Abrahamson, ein, wird SDI "spätestens 1989" mit den Bestimmungen des ABM-Vertrages kollidieren. Damit wird in Washington der Druck gewaltig zunehmen, den Vertrag, den viele für den größten Erfolg der Rüstungskontrolle zwischen Ost und West halten, aufzukündigen. Richard Perle sagt voraus, die Entscheidung werde "noch in der Amtszeit dieser Administration" akut, das heißt bis Ende 1988. John Rhinelander, früher Chefberater der amerikanischen Delegation bei den ABM-Verhandlungen, erklärt, worum es bei dem Streit geht: "Die Frage der Auslegung rührt an den Kern des Vertrages. Entweder treiben wir SDI ohne jede Einschränkung bis hin zur vollständigen Aufstellung voran, oder wir müssen Forschung und Entwicklung anhalten bevor die Grenze zur Systementwicklung überschritten ist."

Seit SDI nicht länger Vision, sondern Tagespolitik ist, kristallisieren sich andere wichtige Fragen heraus. Dazu gehört die Sorge, welche Rolle Atomwaffen in dem angeblich nuklearfreien Abwehrsystem spielen werden. Denn eines der Verfahren, die gegenwärtig getestet werden, beruht auf dem Einsatz nuklearer Sprengsätze: Röntgenlaser könnten im All durch kleine atomare Detonationen ausgelöst werden. Gewiß, noch steckt die Erforschung dieser Technik in den Kinderschuhen. Aber in dem Umstand, daß sie überhaupt getestet wird, sehen viele einen Widerspruch zu der Absicht des Präsidenten, eine nichtnukleare Abwehr zu entwickeln. Und wieweit kann das ganze System, wenn es einmal steht, noch von Menschen und nicht Maschinen kontrolliert werden? SDI-Planer erwähnen unter anderem ein "Katapult"-Verfahren, mit dem die Star-Wars-Abwehrwaffen von U-Booten vor der sowjetischen Küste fast gleichzeitig mit dem Abschuß der sowjetischen Angriffswaffen abgeschossen werden könnten. Das aber hieße – wenn die Sowjets, wie erwartet, einen besonders schnellen Treibsatz für ihre Raketen entwickeln – die Vereinigten Staaten müßten binnen 50 Sekunden oder weniger reagieren. Damit wäre menschliche Kontrolle praktisch unmöglich.

Quelle beträchtlicher Irritation

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Allmählich spricht sich auch herum, daß das SDI-System gegen Flugzeuge und Cruise Missiles wehrlos bliebe. Obwohl die SDI-Mitarbeiter darauf beharren, die SDI-Technik könnte letztlich auch gegen angreifende Bomber und Marschflugkörper genutzt werden, sind sie bisher den Beweis schuldig geblieben. In jedem Fall wäre es ein äußerst kostspieliges Unterfangen. Kritiker weisen im übrigen darauf hin, daß zu einer Zeit, da eine 100-Kilotonnen-Bombe in einen Koffer paßt, Nuklearwaffen ohnehin über Amerikas durchlässige Grenzen geschmuggelt werden könnten; dagegen wäre auch das beste Abwehrsystem nicht gefeit.

Überdies wächst die Sorge, wie die Verbündeten Amerikas reagieren und welche Auswirkungen SDI auf die Nato hätte. Die heftige Reaktion auf die Entscheidung Reagans, Salt II aufzugeben, war nur ein weiteres Beispiel für die europäischen Empfindlichkeiten. Aber sie werden mit Sicherheit noch wachsen, wenn sich die Vereinigten Staaten anschicken sollten, das ABM-Abkommen zu widerrufen, und wenn sich herausstellen sollte, daß das amerikanische Festhalten an SDI die Verhandlungen mit den Sowjets über Atomwaffen zur Erfolglosigkeit verurteilt. Zwar spekuliert man in einigen Kreisen über den "großen Kompromiß": die Administration könnte gegen Einschränkungen bei der Entwicklung von SDI sowjetische Konzessionen bei der Kürzung der Offensiv-Raketen einhandeln. Aber bisher ist dies – angesichts der unnachgiebigen Haltung führender Vertreter der Administration – kaum eine realistische Annahme.

Manche Beobachter sagen auch heute schon Ärger mit den Verbündeten über die Verteilung der SDI-Aufträge voraus. Großbritannien, die Bundesrepublik Deutschland und Israel haben inzwischen mit Washington Kooperationsabkommen unterzeichnet. Schaut man jedoch genau hin, dann sind die Bedingungen für die ausländischen Teilnehmer an SDI durchweg ungünstig. Das könnte eine Quelle beträchtlicher Irritation werden.

Die interne amerikanische Kritik an SDI hat im Laufe der Zeit nicht nachgelassen, sondern ist eher gewachsen. An den Universitäten ist die Ablehnung weit verbreitet. Nach einer jüngsten Umfrage lehnen zwei Drittel der amerikanischen Physiker das Vorhaben ab; im Mai wurde dem Kongreß eine Liste mit den Namen von 6500 Wissenschaftlern, die gegen SDI sind, zugeleitet, in der vergangenen Woche kamen 1400 weitere dazu; darunter sind mehrere Nobelpreisträger. Bei einer Umfrage unter Mitgliedern der Akademie der Wissenschaften sprachen sich 92 Prozent der Befragten gegen SDI aus; 98 Prozent meinten, ein solches System werde nicht funktionieren. Natürlich gibt es auch Wissenschaftler, die sich für SDI aussprechen; aber sie sind in der Minderzahl.

SDI-Chef Abrahamson steht daher unter enormem Druck, bald Fortschritte bei der SDI-Forschung vorzuweisen. Er berichtet überall von "substantiellen" Erfolgen bei der Laser-Forschung und von "überraschendem" Fortschritt bei der Teilchen-Technik. Meistens erwähnt er aber nur drei "Durchbrüche" der Forschung:

  • Die Bündelung von Laserstrahlen zur Durchdringung der Atmosphäre: Weil die Erzeugung von Laserstrahlen im Weltraum sehr viel Brennstoff und riesige Anlagen erfordern würde, sollen sie nun auf dem Erdboden produziert werden. Von der Erde aus sollen die Laserstrahlen durch die Atmosphäre ins All geschickt und dort durch Spiegel, die auf Satelliten montiert sind, gegen ihre Ziele gelenkt werden. Mit "Gummispiegeln", die aus vielen verstellbaren Einzelteilen bestehen, und mit Hilfe "optischer Phasenkonjugation" können Laser-Strahlen jetzt im Weltall aufgefangen und umgelenkt werden. Sie sind allerdings noch viel zu schwach, als daß damit Interkontinentalraketen zerstört werden könnten.
  • Strahlungsgehärtete Infrarot-Detektoren aus Gallium-Arsenid können heute hergestellt werden. Diese Detektoren oder Sensoren sind dazu bestimmt, sowjetische Versuche zu vereiteln, amerikanische Sensoren durch Zündung einer Atombombe im Weltraum zu blenden.
  • Das freie Elektronen-Verfahren zur Erzeugung von Laserstrahlen: Es verspricht, nach Abrahamsons Worten, zum "wirksamsten und kraftvollsten Laser-System der freien Welt" zu werden. Aber auch dieses System wiegt immer noch zu viel, so daß es nicht im Weltraum stationiert werden kann.

Eine neue, von einflußreichen Senatoren in Auftrag gegebene Untersuchung kommt allerdings zu einer anderen Schlußfolgerung als Abrahamson: Im letzten Jahr habe es bei der Lösung technischer Fragen bemerkenswert wenige Fortschritte gegeben; das einzige Ergebnis der bisherigen SDI-Forschung bestehe darin, die großen Schwierigkeiten, die einer "strategischen Verteidigung" entgegenstehen, offenbar zu machen. Einen nennenswerten Durchbruch habe es jedenfalls nicht gegeben.

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Von früheren traditionellen Raketenabwehr-Systemen unterscheidet sich SDI vor allem durch einen Forschungsschwerpunkt: Die Wissenschaftler konzentrieren sich auf Angriffe gegen sowjetische Interkontinentalraketen in der Auftriebsphase, also in den ersten drei bis fünf Minuten nach dem Start. In diesem Zeitraum stoßen die Triebwerke eine heiße Luftfahne aus, die sich auch noch aus einer Entfernung von Tausenden von Kilometern orten läßt. Für den Verteidiger besteht der große Vorteil einer Abwehr während der Auftriebsphase darin, daß die feindliche Rakete jetzt noch alle einzelnen nuklearen Sprengköpfe und Hunderte von Sprengkopfattrappen trägt. Das alles kann kurz nach dem Start zerstört werden. Aber diese Auftriebsphase stellt den Verteidiger auch vor enorme technische Probleme – nicht das geringste davon ist, daß die Erdkrümmung es erforderlich macht, daß einige Elemente des Verteidigungssystems im Weltraum placiert werden.

Hat aber die Interkontinentalrakete ihre Sprengköpfe und Attrappen erst einmal ausgespien, bewegen sie sich in einer "Wolke der Bedrohung" durch das All – eine Ansammlung von Tausenden, vielleicht Millionen Objekten, die der Verteidiger auseinanderhalten muß, wenn er die Sprengköpfe ausfindig machen will. Zwar treten die Sprengköpfe im Zielanflug wieder in die Atmosphäre ein und trennen sich damit von den Attrappen; dann aber bleibt der Abwehr weniger als eine Minute, bevor die atomaren Sprengsätze ihre Ziele auf der Erdoberfläche erreichen.

Paul Nitze, der Sonderberater des Präsidenten für Rüstungskontrolle, hat bei der Ernüchterung der SDI-Debatte eine wichtige Rolle gespielt. Mit Nachdruck fordert er, das System müsse, wenn es je verwirklicht werden soll, drei Bedingungen erfüllen: Es müsse wirksam, überlebensfähig und kosteneffizient sein. Diese Voraussetzungen, die sich auch in der SDI-Direktive des Präsidenten wiederfinden, werden als Hinweis gewertet, daß Nitze SDI nicht für funktionsfähig hält.

Denn die drei Kriterien sind nur äußerst schwer zu erfüllen. Die Wirksamkeit der Systeme muß sich erst erweisen. Die Überlebensfähigkeit von SDI-Systemen ist jedoch extrem zweifelhaft, denn ein im Weltall stationiertes Abwehrsystem wäre gegenüber Angriffen feindlicher Waffen ungeschützt. Mit den Worten des früheren Verteidigungsministers Robert McNamara: Jede Waffe, die eine Interkontinentalrakete abschießen kann, kann mit noch größerer Leichtigkeit einen Satelliten zerstören."

Das Kriterium Kosteneffizienz stellt noch höhere Anforderungen. Auf bis zu eine Billion Dollar werden die Kosten eines Abwehrsystems im All geschätzt. Kosteneffizient wäre es nur, wenn der Aufwand für die Abwehr geringer wäre als der für sowjetische Gegenmaßnahmen. Die meisten Kritiker halten das für aussichtslos. SDI-Chef Abrahamson hat darum vor einiger Zeit versucht, den Begriff Kosteneffizienz ( cost effectiveness) durch "Erschwinglichkeit" (affordability) zu ersetzen. Auch Weinberger hält den Begriff der Kosteneffizienz nicht für "furchtbar nützlich". Statt dessen fordert der Verteidigungsminister: "Wir können uns leisten, was wir uns leisten müssen."

In jedem Fall tritt der Kostenfaktor immer stärker in den Vordergrund! Das läßt manche Kritiker fragen, ob das neuformulierte Ziel von SDI – die Steigerung der amerikanischen Fähigkeit zur Abschreckung – nicht auf andere Weise billiger zu erreichen wäre. Sie plädieren für eine stärkere Konzentration der amerikanischen Offensivraketen auf unverwundbaren U-Booten oder fordern bewegliche Interkontinentalraketen. Mancher wäre schon zufrieden, wenn die bodengestützten Minuteman-Interkontinentalraketen sowie bestimmte Kommando- und Kontrollzentren gegen feindliche Angriffe besser geschützt würden.

In jedem Fall hat die Debatte über die Kosten und die technischen Schwierigkeiten dazu geführt, daß das SDI-Programm heute sehr viel realistischer beurteilt wird. Auch die Kritiker in Washington treten für ein Forschungsprogramm ein und unterscheiden sich von der Administration nur hinsichtlich seiner Größenordnung und des Tempos seiner Verwirklichung. General Abrahamson und andere SDI-Anhänger betonen zwar, SDI werde schon zu Beginn der neunziger Jahre ein erstes Etappenziel erreichen: Dann könne über die sogenannte "volle Konstruktionsentwicklung" entschieden werden. Die SDI-Studie für den Kongreß spricht von der Bereitstellung "des technischen Wissens, das nötig ist, um in den frühen neunziger Jahren eine begründete Entscheidung darüber fällen zu können, ob für die Vereinigten Staaten und ihre Verbündeten ein Abwehrsystem gegen ballistische Raketen entwickelt und stationiert werden soll". In Wirklichkeit jedoch wird es kaum eine einzige schicksalsträchtige Entscheidung geben. "Es ist doch unrealistisch zu erwarten, daß der Präsident zu irgendeinem Zeitpunkt in der Lage wäre, ja oder nein zu sagen", bemerkt ein kritisch gesonnener Senator.

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Realismus auf dem Vormarsch

Viel wahrscheinlicher ist, daß die Zukunft des Projekts durch eine Reihe von Einzelentscheidungen bestimmt wird. Zuerst könnte die Raketenabwehr zum Schutz von Raketensilos und Kommandozentralen beschlössen werden. Begrenzte technische Fortschritte werden sich wahrscheinlich auf dem Gebiet der freien Elektronen-Laserstrahlen und bei anderen Randbereichen ausmachen lassen. Für eine klare Entscheidung – weitermachen oder aufhören – reicht dies alles jedoch nicht aus. Röntgen-Laser, die durch atomare Explosionen erzeugt werden, bleiben auch in den nächsten zehn Jahren wahrscheinlich Zukunftsmusik.

Wichtiger noch: Bis zum Beginn der neunziger Jahre wird die SDI-Forschung wahrscheinlich nur wenig vorankommen beim Überwinden der wohl schwersten Hürde: wie nämlich durch elektronische Datenverarbeitung die Tausende von Sensoren, Waffen, Strahlen und Partikel zu einem überschaubaren, beherrschbaren Abwehrsystem verbunden werden sollen. Ein amerikanischer Software-Experte ist bereits aus einer entsprechenden SDI-Forschungsgruppe mit den Worten ausgeschieden, das sei nicht machbar – eine Auffassung, mit der er nicht allein steht.

Der Realismus ist auf dem Vormarsch. Selbst höhere Chargen im SDI-Apparat haben ihren Traum von einem undurchdringlichen Abwehrschild ausgeträumt. Gegen Flugzeuge, Marschflugkörper und "Rucksackbomben" bietet SDI ohnehin keine Verteidigung. Die Erwartungen sind heruntergeschraubt, die selbstgesetzten Fristen verlängert worden. Dennoch ist SDI in Washington wahrscheinlich auf Dauer etabliert – solange wenigstens, wie die Amerikaner an einem Verteidigungssystem gegen Interkontinentalraketen interessiert bleiben und nicht, wie die Abschreckungsdoktrin es will, ihre Verwundbarkeit als unabänderlich akzeptieren. Deshalb ist es schwer vorstellbar, das Washington, selbst unter einem anderen Präsidenten, die Bemühungen um strategische Verteidigung völlig einstellen würde.

SDI ist in den Augen vieler, vielleicht sogar der meisten amerikanischen Fachleute kein einheitliches "Programm" mehr, sondern ein Potpourri verschiedener Techniken, von denen die einen früher, die anderen später Wirklichkeit werden – weit entfernt von der Vision, es könne einmal zur letzten Instanz des atomaren Konflikts, zum Schutzschirm des Friedens werden. Was bleibt ist nur eine weitere Stufe auf der Rolltreppe der Rüstung, die alte, vertraute Abfolge von immer neuen Waffen und Gegenwaffen. SDI ist nur insofern etwas Besonderes, als es den Weltraum als zusätzliche Dimension erschließt – keine großartige "strategische Verteidigungsinitiatve", sondern nicht mehr und nicht weniger als Star Ware – der Krieg der Sterne.

Bruce van Voorst ist Pentagon-Korrespondent des amerikanischen Nachrichtenmagazins Time. Viele Jahre lang berichtete er für Newsweek aus Bonn.