Auch Richard Perle, vielleicht der einflußreichste Mann im Pentagon, äußert sich zurückhaltend: "Aus meiner Sicht wäre ein SDI-Programm schon dann ein großer Erfolg, wenn dadurch das Vertrauen, das die Sowjets in die Durchführbarkeit eines Angriffes gegen unser Land oder seine Verbündeten setzen, soweit erschüttert würde, daß die Abschreckung verstärkt und die Sowjets davon abgehalten würden, einen Angriff zu starten."

In der Tat haben SDI-Planer in einem geheimen Bericht an den Kongreß argumentiert, "die langfristige Bedeutung von SDI liegt in der Möglichkeit, die gefährlichen Trends in der sowjetischen Rüstung umzukehren, indem die Abschreckung auf eine bessere, stabilere Gundlage gestellt wird". Dies bedeutet eine gewaltige Verschiebung des ursprünglichen Ziels. SDI wird nun nicht mehr als Ersatz für die viel geschmähte Strategie der "gesicherten gegenseitigen Zerstörung" betrachtet, sondern als Verstärkung der Abschreckung.

Diese Erkenntnis hat in Washington eine gründliche Diskussion ausgelöst. Sie kreist vor allem um die Frage, welche Rolle SDI, wenn überhaupt, in den Rüstungskontrollverhandlungen mit der Sowjetunion spielt. Verteidigungsminister Weinberger und, so scheint es, Präsident Reagan lehnen jedes Zugeständnis bei SDI im Austausch für Begrenzungen oder Reduzierungen der sowjetischen Offensivwaffen ab. Weinberger sieht die gegenwärtige Serie neuer sowjetischer Abrüstungsvorschläge als den "indirekten Versuch, SDI den Garaus zu machen". Aber die Weinberger-Fraktion ist in einer unangenehmen, weil widersprüchlichen Situation: Auf der einen Seite will sie keinerlei Verhandlungen über die Begrenzung von SDI; auf der anderen Seite räumt sie ein, daß die Sowjetunion auf ein amerikanisches SDI-Programm wahrscheinlich nicht nur mit dem beschleunigten Ausbau eines eigenen Raketenabwehrsystems im Weltraum reagieren wird, sondern durch die enorme Vermehrung ihrer offensiven Interkontinentalraketen, um so die amerikanische Abwehr im Ernstfall zu "saturieren".

Die Aufmerksamkeit richtet sich aber ebenso auf die Folgen, die sich aus einem unbeirrten Festhalten an den SDI-Plänen Reagans ergeben könnten. Jack Ruina, Professor am Massachusetts Institute of Technology, sagt: "Ich habe nichts gegen ein sorgfältiges SDI-Forschungsprogramm. Aber ich halte es für unverantwortlich, wenn lange vor seinem Abschluß weitreichende Entscheidungen über unsere Sicherheit getroffen werden." Ruina und viele andere wehren sich vor allem gegen die offenkundige Bereitschaft der Reagan-Regierung, den sowjetisch-amerikanischen Vertrag über Raketenabwehrsysteme (ABM) aus dem Jahre 1972, der die Entwicklung, Erprobung und Aufstellung von seegestützten, landgestützten, mobilen oder weltraumgestützten Anti-Raketensystemen oder deren Komponenten verbietet, umzudeuten. Bis 1985 wurde es so ausgelegt, daß alles verboten ist, was über die Erforschung von Teilelementen einer weltraumgestützten Verteidigung hinausgeht. Die SDI-Lobby hat jedoch diese Beschränkungen uminterpretiert, um die Forschung, das Testen und sogar die Aufstellung von Weltraumsystemen zu rechtfertigen. Präsident Reagan hat es fürs erste zwar abgelehnt, sich nach dieser neuen Auslegung zu richten. Aber er behauptet kategorisch, daß er sie für rechtlich einwandfrei hält.

Auf die eine oder andere Weise jedoch, räumt der Chef des SDI-Programms, Generalleutnant James Abrahamson, ein, wird SDI "spätestens 1989" mit den Bestimmungen des ABM-Vertrages kollidieren. Damit wird in Washington der Druck gewaltig zunehmen, den Vertrag, den viele für den größten Erfolg der Rüstungskontrolle zwischen Ost und West halten, aufzukündigen. Richard Perle sagt voraus, die Entscheidung werde "noch in der Amtszeit dieser Administration" akut, das heißt bis Ende 1988. John Rhinelander, früher Chefberater der amerikanischen Delegation bei den ABM-Verhandlungen, erklärt, worum es bei dem Streit geht: "Die Frage der Auslegung rührt an den Kern des Vertrages. Entweder treiben wir SDI ohne jede Einschränkung bis hin zur vollständigen Aufstellung voran, oder wir müssen Forschung und Entwicklung anhalten bevor die Grenze zur Systementwicklung überschritten ist."

Seit SDI nicht länger Vision, sondern Tagespolitik ist, kristallisieren sich andere wichtige Fragen heraus. Dazu gehört die Sorge, welche Rolle Atomwaffen in dem angeblich nuklearfreien Abwehrsystem spielen werden. Denn eines der Verfahren, die gegenwärtig getestet werden, beruht auf dem Einsatz nuklearer Sprengsätze: Röntgenlaser könnten im All durch kleine atomare Detonationen ausgelöst werden. Gewiß, noch steckt die Erforschung dieser Technik in den Kinderschuhen. Aber in dem Umstand, daß sie überhaupt getestet wird, sehen viele einen Widerspruch zu der Absicht des Präsidenten, eine nichtnukleare Abwehr zu entwickeln. Und wieweit kann das ganze System, wenn es einmal steht, noch von Menschen und nicht Maschinen kontrolliert werden? SDI-Planer erwähnen unter anderem ein "Katapult"-Verfahren, mit dem die Star-Wars-Abwehrwaffen von U-Booten vor der sowjetischen Küste fast gleichzeitig mit dem Abschuß der sowjetischen Angriffswaffen abgeschossen werden könnten. Das aber hieße – wenn die Sowjets, wie erwartet, einen besonders schnellen Treibsatz für ihre Raketen entwickeln – die Vereinigten Staaten müßten binnen 50 Sekunden oder weniger reagieren. Damit wäre menschliche Kontrolle praktisch unmöglich.

Quelle beträchtlicher Irritation