Allmählich spricht sich auch herum, daß das SDI-System gegen Flugzeuge und Cruise Missiles wehrlos bliebe. Obwohl die SDI-Mitarbeiter darauf beharren, die SDI-Technik könnte letztlich auch gegen angreifende Bomber und Marschflugkörper genutzt werden, sind sie bisher den Beweis schuldig geblieben. In jedem Fall wäre es ein äußerst kostspieliges Unterfangen. Kritiker weisen im übrigen darauf hin, daß zu einer Zeit, da eine 100-Kilotonnen-Bombe in einen Koffer paßt, Nuklearwaffen ohnehin über Amerikas durchlässige Grenzen geschmuggelt werden könnten; dagegen wäre auch das beste Abwehrsystem nicht gefeit.

Überdies wächst die Sorge, wie die Verbündeten Amerikas reagieren und welche Auswirkungen SDI auf die Nato hätte. Die heftige Reaktion auf die Entscheidung Reagans, Salt II aufzugeben, war nur ein weiteres Beispiel für die europäischen Empfindlichkeiten. Aber sie werden mit Sicherheit noch wachsen, wenn sich die Vereinigten Staaten anschicken sollten, das ABM-Abkommen zu widerrufen, und wenn sich herausstellen sollte, daß das amerikanische Festhalten an SDI die Verhandlungen mit den Sowjets über Atomwaffen zur Erfolglosigkeit verurteilt. Zwar spekuliert man in einigen Kreisen über den "großen Kompromiß": die Administration könnte gegen Einschränkungen bei der Entwicklung von SDI sowjetische Konzessionen bei der Kürzung der Offensiv-Raketen einhandeln. Aber bisher ist dies – angesichts der unnachgiebigen Haltung führender Vertreter der Administration – kaum eine realistische Annahme.

Manche Beobachter sagen auch heute schon Ärger mit den Verbündeten über die Verteilung der SDI-Aufträge voraus. Großbritannien, die Bundesrepublik Deutschland und Israel haben inzwischen mit Washington Kooperationsabkommen unterzeichnet. Schaut man jedoch genau hin, dann sind die Bedingungen für die ausländischen Teilnehmer an SDI durchweg ungünstig. Das könnte eine Quelle beträchtlicher Irritation werden.

Die interne amerikanische Kritik an SDI hat im Laufe der Zeit nicht nachgelassen, sondern ist eher gewachsen. An den Universitäten ist die Ablehnung weit verbreitet. Nach einer jüngsten Umfrage lehnen zwei Drittel der amerikanischen Physiker das Vorhaben ab; im Mai wurde dem Kongreß eine Liste mit den Namen von 6500 Wissenschaftlern, die gegen SDI sind, zugeleitet, in der vergangenen Woche kamen 1400 weitere dazu; darunter sind mehrere Nobelpreisträger. Bei einer Umfrage unter Mitgliedern der Akademie der Wissenschaften sprachen sich 92 Prozent der Befragten gegen SDI aus; 98 Prozent meinten, ein solches System werde nicht funktionieren. Natürlich gibt es auch Wissenschaftler, die sich für SDI aussprechen; aber sie sind in der Minderzahl.

SDI-Chef Abrahamson steht daher unter enormem Druck, bald Fortschritte bei der SDI-Forschung vorzuweisen. Er berichtet überall von "substantiellen" Erfolgen bei der Laser-Forschung und von "überraschendem" Fortschritt bei der Teilchen-Technik. Meistens erwähnt er aber nur drei "Durchbrüche" der Forschung:

  • Die Bündelung von Laserstrahlen zur Durchdringung der Atmosphäre: Weil die Erzeugung von Laserstrahlen im Weltraum sehr viel Brennstoff und riesige Anlagen erfordern würde, sollen sie nun auf dem Erdboden produziert werden. Von der Erde aus sollen die Laserstrahlen durch die Atmosphäre ins All geschickt und dort durch Spiegel, die auf Satelliten montiert sind, gegen ihre Ziele gelenkt werden. Mit "Gummispiegeln", die aus vielen verstellbaren Einzelteilen bestehen, und mit Hilfe "optischer Phasenkonjugation" können Laser-Strahlen jetzt im Weltall aufgefangen und umgelenkt werden. Sie sind allerdings noch viel zu schwach, als daß damit Interkontinentalraketen zerstört werden könnten.
  • Strahlungsgehärtete Infrarot-Detektoren aus Gallium-Arsenid können heute hergestellt werden. Diese Detektoren oder Sensoren sind dazu bestimmt, sowjetische Versuche zu vereiteln, amerikanische Sensoren durch Zündung einer Atombombe im Weltraum zu blenden.
  • Das freie Elektronen-Verfahren zur Erzeugung von Laserstrahlen: Es verspricht, nach Abrahamsons Worten, zum "wirksamsten und kraftvollsten Laser-System der freien Welt" zu werden. Aber auch dieses System wiegt immer noch zu viel, so daß es nicht im Weltraum stationiert werden kann.

Eine neue, von einflußreichen Senatoren in Auftrag gegebene Untersuchung kommt allerdings zu einer anderen Schlußfolgerung als Abrahamson: Im letzten Jahr habe es bei der Lösung technischer Fragen bemerkenswert wenige Fortschritte gegeben; das einzige Ergebnis der bisherigen SDI-Forschung bestehe darin, die großen Schwierigkeiten, die einer "strategischen Verteidigung" entgegenstehen, offenbar zu machen. Einen nennenswerten Durchbruch habe es jedenfalls nicht gegeben.