Von früheren traditionellen Raketenabwehr-Systemen unterscheidet sich SDI vor allem durch einen Forschungsschwerpunkt: Die Wissenschaftler konzentrieren sich auf Angriffe gegen sowjetische Interkontinentalraketen in der Auftriebsphase, also in den ersten drei bis fünf Minuten nach dem Start. In diesem Zeitraum stoßen die Triebwerke eine heiße Luftfahne aus, die sich auch noch aus einer Entfernung von Tausenden von Kilometern orten läßt. Für den Verteidiger besteht der große Vorteil einer Abwehr während der Auftriebsphase darin, daß die feindliche Rakete jetzt noch alle einzelnen nuklearen Sprengköpfe und Hunderte von Sprengkopfattrappen trägt. Das alles kann kurz nach dem Start zerstört werden. Aber diese Auftriebsphase stellt den Verteidiger auch vor enorme technische Probleme – nicht das geringste davon ist, daß die Erdkrümmung es erforderlich macht, daß einige Elemente des Verteidigungssystems im Weltraum placiert werden.

Hat aber die Interkontinentalrakete ihre Sprengköpfe und Attrappen erst einmal ausgespien, bewegen sie sich in einer "Wolke der Bedrohung" durch das All – eine Ansammlung von Tausenden, vielleicht Millionen Objekten, die der Verteidiger auseinanderhalten muß, wenn er die Sprengköpfe ausfindig machen will. Zwar treten die Sprengköpfe im Zielanflug wieder in die Atmosphäre ein und trennen sich damit von den Attrappen; dann aber bleibt der Abwehr weniger als eine Minute, bevor die atomaren Sprengsätze ihre Ziele auf der Erdoberfläche erreichen.

Paul Nitze, der Sonderberater des Präsidenten für Rüstungskontrolle, hat bei der Ernüchterung der SDI-Debatte eine wichtige Rolle gespielt. Mit Nachdruck fordert er, das System müsse, wenn es je verwirklicht werden soll, drei Bedingungen erfüllen: Es müsse wirksam, überlebensfähig und kosteneffizient sein. Diese Voraussetzungen, die sich auch in der SDI-Direktive des Präsidenten wiederfinden, werden als Hinweis gewertet, daß Nitze SDI nicht für funktionsfähig hält.

Denn die drei Kriterien sind nur äußerst schwer zu erfüllen. Die Wirksamkeit der Systeme muß sich erst erweisen. Die Überlebensfähigkeit von SDI-Systemen ist jedoch extrem zweifelhaft, denn ein im Weltall stationiertes Abwehrsystem wäre gegenüber Angriffen feindlicher Waffen ungeschützt. Mit den Worten des früheren Verteidigungsministers Robert McNamara: Jede Waffe, die eine Interkontinentalrakete abschießen kann, kann mit noch größerer Leichtigkeit einen Satelliten zerstören."

Das Kriterium Kosteneffizienz stellt noch höhere Anforderungen. Auf bis zu eine Billion Dollar werden die Kosten eines Abwehrsystems im All geschätzt. Kosteneffizient wäre es nur, wenn der Aufwand für die Abwehr geringer wäre als der für sowjetische Gegenmaßnahmen. Die meisten Kritiker halten das für aussichtslos. SDI-Chef Abrahamson hat darum vor einiger Zeit versucht, den Begriff Kosteneffizienz ( cost effectiveness) durch "Erschwinglichkeit" (affordability) zu ersetzen. Auch Weinberger hält den Begriff der Kosteneffizienz nicht für "furchtbar nützlich". Statt dessen fordert der Verteidigungsminister: "Wir können uns leisten, was wir uns leisten müssen."

In jedem Fall tritt der Kostenfaktor immer stärker in den Vordergrund! Das läßt manche Kritiker fragen, ob das neuformulierte Ziel von SDI – die Steigerung der amerikanischen Fähigkeit zur Abschreckung – nicht auf andere Weise billiger zu erreichen wäre. Sie plädieren für eine stärkere Konzentration der amerikanischen Offensivraketen auf unverwundbaren U-Booten oder fordern bewegliche Interkontinentalraketen. Mancher wäre schon zufrieden, wenn die bodengestützten Minuteman-Interkontinentalraketen sowie bestimmte Kommando- und Kontrollzentren gegen feindliche Angriffe besser geschützt würden.

In jedem Fall hat die Debatte über die Kosten und die technischen Schwierigkeiten dazu geführt, daß das SDI-Programm heute sehr viel realistischer beurteilt wird. Auch die Kritiker in Washington treten für ein Forschungsprogramm ein und unterscheiden sich von der Administration nur hinsichtlich seiner Größenordnung und des Tempos seiner Verwirklichung. General Abrahamson und andere SDI-Anhänger betonen zwar, SDI werde schon zu Beginn der neunziger Jahre ein erstes Etappenziel erreichen: Dann könne über die sogenannte "volle Konstruktionsentwicklung" entschieden werden. Die SDI-Studie für den Kongreß spricht von der Bereitstellung "des technischen Wissens, das nötig ist, um in den frühen neunziger Jahren eine begründete Entscheidung darüber fällen zu können, ob für die Vereinigten Staaten und ihre Verbündeten ein Abwehrsystem gegen ballistische Raketen entwickelt und stationiert werden soll". In Wirklichkeit jedoch wird es kaum eine einzige schicksalsträchtige Entscheidung geben. "Es ist doch unrealistisch zu erwarten, daß der Präsident zu irgendeinem Zeitpunkt in der Lage wäre, ja oder nein zu sagen", bemerkt ein kritisch gesonnener Senator.