Weil das Harmoniebedürfnis die Wahrheitsliebe überwog, gab die Stabsabteilung Information der Fried. Krupp GmbH am 24. März eine Presseerklärung heraus, die – gelinde gesagt – nicht ganz richtig war. Alfons Gödde, der Vorstandsvorsitzende der Krupp Stahl AG, habe den Aufsichtsrat gebeten, ihn von seinem Dienstvertrag zu entbinden und weiter: "Dr. Gödde, der aus persönlichen Gründen ausscheiden möchte, bleibt dem Unternehmen freundschaftlich verbunden und wird weiter beratend zur Verfügung stehen."

Dieser letzte Satz ist wohl wider besseres Wissen verfaßt worden. Die Angabe, Gödde habe um seinen Abschied gebeten, ist zwar nicht falsch, gibt aber den Tatbestand nicht korrekt wider. Denn Gödde ist nicht im Alter von 56 Jahren freiwillig aus einem laufenden Vertrag ausgestiegen, er ist vielmehr dazu gedrängt worden. Und ein diskreter Hinweis der Krupp-Pressestelle, gesundheitliche Gründe spielten möglicherweise eine Rolle, sollte neugierige Journalisten wohl nur von der richtigen Fährte abbringen.

Wo die Gründe für Göddes nicht ganz freiwilliges Ausscheiden liegen, wurde spätestens am Mittwoch letzter Woche offensichtlich. Denn an diesem Tag ließ Wilhelm Scheider, der Vorstandsvorsitzende des Krupp Stahl-Großaktionärs Fried. Krupp GmbH, die Katze aus dem Sack. In der Hauptversammlung des Stahlunternehmens regte er nämlich an, die Entlastung von Gödde und des am 13. März ausgeschiedenen Aufsichtsratsmitglieds Werner Resch bis zum nächsten Jahr zu vertagen.

Bis dahin sollten geschäftliche Kontakte von Krupp Stahl insbesondere zu der Entsorgungsfirma "Rheinform" in Wetter an der Ruhr "umfassend untersucht" werden. Konkret geht es um "die finanziellen Unterstützungsmaßnahmen dieses in wirtschaftlich kritischer Situation befindlichen Unternehmens durch Krupp Stahl auf Veranlassung der Herren Dr. Gödde und Dr. Resch zusammen mit dem früheren Leiter des Rohstoffeinkaufs". Diesem ehemaligen Leiter des Rohstoffeinkaufs, dem Prokuristen Helmut Bernd, ist inzwischen der Stuhl vor die Tür gesetzt worden. Eine Maßnahme, für die Gödde offensichtlich wenig Verständnis hat, denn der in Dortmund erscheinenden Westfälischen Rundschau erklärte er, es handele sich nicht um Verfehlungen, sondern um unterschiedliche Meinungen zur Geschäftspolitik.

Rheinform, ein Unternehmen, das in der Vergangenheit häufig Ärger mit den Umweltschutzbehörden hatte, befreit Krupp Stahl von Stahlwerksstäuben, die bei der Edelstahlherstellung anfallen. Dafür muß Krupp wohl zahlen, bekommt aber gleichzeitig Geld für sogenannte Bären – Rückstände aus Gießpfannen –, die Rheinform aufarbeitet. Eigentlich hätte bei diesen Geschäften für Krupp ein positiver Saldo herauskommen müssen, in Wahrheit steht Rheinform jedoch bei Krupp Stahl mit beinahe zehn Millionen Mark in der Kreide.

Das ist wohl das Ergebnis der "finanziellen Stützungsmaßnahmen", von denen Scheider in der Hauptversammlung sprach. Bei der wirtschaftlichen Lage von Rheinform ist es nicht sicher, daß Krupp Stahl dieses Geld wiedersieht. Aber normalerweise kostet es einen Vorstandsvorsitzenden nicht den Kopf, wenn er einen zweistelligen Millionenbetrag in den Sand setzt – das gehört bei einem Unternehmen mit mehr als sechs Milliarden Mark Umsatz zum normalen Geschäftsrisiko. Anstoß hat aber erregt, daß Gödde gemeinsam mit dem ihm ergebenen Rohstoffeinkäufer an seinen Vorstandskollegen vorbei operiert hat. Vor Journalisten sprach Scheider deutlich von einer Pflichtverletzung.

Pikant ist dabei, daß Gödde-Spezi Resch nicht nur Vorsitzender des Rheinform-Aufsichtsrats ist, sondern auch eine Option auf Geschäftsanteile des Unternehmens haben soll.