Die Führungsspitzen der DDR: Häuser bauen ist ihnen wichtiger als Fahnenhissen

Von Nina Grunenberg

Über Leben und Karriere von SED-Funktionären ist wenig bekannt. Zumal die "Führungskader" oder die "Leiterpersönlichkeiten", wie es im Partei-Esperanto drüben heißt, sind den Blicken des normalen Sterblichen entzogen. Irgendwann sind sie als Genosse in der "Organisation" verschwunden und tauchen als Mensch erst wieder auf, wenn sie in Friedrichsfelde, dem Ost-Berliner Friedhof für die Prominenz aus Partei und Staat, begraben werden. So entpersönlicht ist ihre Existenz, daß die einfache Frage nach ihrem Vornamen sie fast schon schockiert.

Als Selbstdarsteller fehlt den meisten die Erfahrung. Ihr Parteiauftrag verlangt es auch nicht – es sei denn, ein höherer Wille waltet. Aber in der DDR herrscht das "Chefprinzip" noch uneingeschränkt ("na klar doch, nu was denn sonst?"). Sich Gesprächen mit westlichen Journalisten zu versagen, gab es keinen Grund, als noch die zwei Standardfragen der DDR-Verantwortlichen: "Kostet es was? Schadet es was?" gelassenen Sinnes entschieden worden waren.

Schwierig wurde es wohl erst, als es galt, ein paar mutige Männer zu finden, die freiwillig bereit waren, sich mit den sechs ZEIT-Redakteuren über sich und ihre Arbeit zu unterhalten. (Die Frauen in der DDR haben es weit gebracht, aber in "Leiterpositionen haben wir sie dort auch nicht getroffen.) Durchschnittliche Funktionärsseelen sind von Vorsicht und Mißtrauen mehr erfüllt als von dem gesellschaftlichen Bewußtsein ihrer Verantwortung. Dieser Umstand mag eine besonders positive Auswahl begünstigt haben – und bescherte uns unverhoffte Überraschungen.

Zu Beginn war es oft mühsam, sich die einzelnen Gesprächspartner zu erobern. In ihren Büros saßen wir uns stets an den gleichen hellen Konferenztischen aus Holz gegenüber – auf der einen Langseite die Gäste, auf der anderen die Gastgeber – ganz so, als handele es sich um das Treffen von Tarifparteien. Für jeden war klar, wo er hingehörte. Einige zeigten sich offen pikiert darüber, daß sie verpflichtet worden waren, uns ihre Zeit zu opfern. Aber das war bald vergessen, wenn sie sich dann trotzdem entschlossen, aus ihren ideologischen Rüstungen zu steigen, auf Schablonen möglichst zu verzichten, den deutsch-deutschen Krampf für die Dauer des Gesprächs zu vergessen und sogar Fragen nach ihrem persönlichen Lebensweg nicht als "kleinbürgerliche Geschmacklosigkeit" abzutun. Sie versuchten auch nicht, uns zu überzeugen. Der Zwang dazu hat nachgelassen. "Früher", sagte Ernst Timm, der Erste Bezirkssekretär von Rostock, "habe ich gewollt, daß alle anerkennen, daß wir das Beste machen. Aber inzwischen hat sich die Welt auch in der DDR weiter entwickelt." Das gewachsene Selbstbewußtsein der Machthaber erlaubt ihm heute, friedlich festzustellen: "Es gibt eben Schranken der weltanschaulichen Position. Da sollte niemand versuchen, den anderen herüberzuziehen."

Aus der Führungsgarnitur der SED nahm der menschliche Mecklenburger Ernst Timm ("der Honecker von Rostock") auf unserer Siegerliste den Spitzenplatz ein. Aber auch der Bezirksratsvorsitzende in Gera, Werner Ullrich, beeindruckte uns. Was er – neben seinem Oberbürgermeister Horst Pohl – persönlich unter den Bedingungen der Planwirtschaft in seinem Bezirk aufgebaut und durchgesetzt hat, macht ihm so schnell niemand nach. Der lockere Pragmatismus von Bezirkssekretär Hans Modrow und seine fanatisch in ihre Stadt vernarrten Dresdner – das war ein Kapitel für sich. Sein frisch ins Amt gekommener Oberbürgermeister Wolfgang Berghofer wird viel Kraft brauchen, um als Stadtvater von "Elbflorenz" Lorbeeren zu sammeln.