Mit Skepsis verfolgt der Vorstand der Hamburgischen Electricitäts-Werke AG (HEW) die in der Hansestadt Hamburg besonders heftig geführte Debatte um den "sofortigen Ausstieg aus der Plutoniumwirtschaft". Immerhin sind 71 Prozent der HEW-Aktien im Besitz der sozialdemokratisch regierten Stadt.

Der Anteil der Kernkraftwerke an den Stromlieferungen der HEW stieg 1985 von 67 auf 74 Prozent. Wenn das heiß umstrittene Kernkraftwerk Brokdorf seinen Betrieb aufnimmt, womit möglicherweise noch in diesem Jahr zu rechnen ist, wächst der Kernkraftanteil auf 82 bis 85 Prozent.

HEW-Vorstandsvorsitzender Roland Farnung sieht die Zukunft allerdings gelassen: Bisher sei noch von keiner Seite Druck auf die Geschäftsleitung ausgeübt worden – auch nicht vom Aufsichtsrat, an dessen Spitze, der den linken Sozialdemokraten zuzurechnende Senator Jörg Kuhbier steht. In einer gemeinsamen Erklärung von Aufsichtsrat und Vorstand, so Farnung, sei sogar festgestellt worden, daß zum gegenwärtigen Zeitpunkt keine Veranlassung gesehen werde, die Kernkraftwerke in Stade, Brunsbüttel und Krümmel abzustellen. Zugesagt wurde lediglich eine erneute Überprüfung der Sicherheitssysteme.

Farnung bestreitet nicht, daß der Ausstieg aus der Kernenergie rein technisch für HEW möglich wäre. Nur gäbe es dann keine Versorgungssicherheit mehr, weil alle verfügbaren Stromerzeugungsreserven eingesetzt werden müßten – auch jene Kraftwerke, die lediglich zur Befriedigung des Spitzenbedarfs geeignet seien.

Die Kosten eines Ausstiegs aus der Kernenergie hat die Geschäftsleitung schon ausrechnen lassen: Die Ausgaben der HEW bei einem Mehreinsatz von Öl und Gas um jährlich 570 Millionen bis 830 Millionen Mark steigen – je nachdem, wie sich die Brennstoffpreise bei einer verstärkten Nachfrage entwickeln würden. Für die HEW-Kunden hieße das: ein Anstieg der Stromkosten um dreißig bis vierzig Prozent.

Der Ausstieg brächte für die HEW allerdings auch einen Kostenvorteil: Müßten sie auch das Kernkraftwerk Stade schließen, so würde endlich ein Stromlieferungsvertrag der HEW mit den Reynolds-Aluminiumwerken über günstige Stromlieferungen hinfällig, der einst auf Druck des Senats zustande kam und die HEW jährlich 50 bis 55 Millionen Mark kostet.

*