ZDF, Montag, 23. Juni: Boris Becker eröffnet das Turnier in Wimbledon

Die Nächte sind kurz, die Augen geschwollen – wenn die Mattscheibe verglüht, beginnen die Vögel in den Büschen ihr Lied. Glückliche Tage, bleierne Zeit – halb berauscht und halb zerrüttet versucht der Süchtige, sich in den viel zu hellen, viel zu langen Tagen zurechtzufinden. Vergeblich. Jeder sieht ihm seine Ausschweifungen an. Seine Kräfte gehen zur Neige. Doch ein Ende, ein Endspiel ist in Sicht.

Aber ach: kein Ende ist in Sicht. Denn nun sind auch noch die Nachmittage (die bislang ganz dem vorbereitenden Mittagsschlaf für Mexiko gewidmet waren) ernstlich in Gefahr. Es ist wieder Wimbledon, es spielt wieder Boris Becker. Auch das noch. Auch der noch.

Wie lang ist das alles her: der Mai 68, die Beatles, der erste Mensch auf dem Mond, der Wimbledon-Sieg des unvergessenen siebzehnjährigen Leimeners. Unsere Mythen, unsere Erinnerungen für immer – sie geben uns die beglückende Gewißheit, nicht einfach konfus dahinzuleben, sondern (wie H. Kohl etwa sagen würde) mit beiden Beinen im Strom der Geschichte zu stehen.

Natürlich hat das ZDF (wer sonst) Boris Beckers Rückkehr nach Wimbledon live und in voller Länge übertragen. Und natürlich begann die Sendung nicht live, sondern mit einem historischen Rückblick. Mit einem Film von Boris Papperitz, wie Moderator Ohletz errötend ankündigte (und niemand wird jemals erfahren, ob dieser entzückende Versprecher einstudiert war oder doch bloß ein Blackout).

"Ein Film zur Einstimmung", wie man gern beschwichtigend sagt. Doch in Wahrheit eine scharfe Droge: ein paar Bilder nur vom alten Boris (das heißt natürlich vom jungen Boris), und schon spüren wir wieder jenes eigentümliche Gefühlsgemisch aus Gänsehaut und Rührung. Ein As, ein Hechtsprung, ein Becker-Shuffle, und schon ist unser Mißmut verflogen; unser Überdruß an dem zunehmend nervigen, quengelnden, derben Achtzehnjährigen, in den sich unser Märchenprinz so erschreckend schnell verwandelt hat.

Da ist es nun wieder, das Fieber – wir sind besorgt (und doch auch heimlich glücklich). Aber dann hat die Vorsehung erst mal ein Einsehen: Boris Beckers Eröffnungsspiel gegen den ebenso hübschen wie harmlosen Argentinier Bengoechea hat die wohltuende Wirkung eines kalten Wadenwickels. Becker gewinnt mühelos, in kaum mehr als einer Stunde. Kein Drama also bei seiner historischen Rückkehr, keine Tragödie.