Von Horst Bieber

Alan García, Perus Präsident, hatte sich von der Tagung der Sozialistischen Internationale (SI) in Lima eine Stärkung seiner außenpolitischen Position erhofft. Als am Montag das Treffen endete, hatte er seine bisher schwerste politische Niederlage hinter sich. Die grausame Brutalität, mit der das Militär am Donnerstag vergangener Woche den Aufstand in den drei Gefängnissen El Fronton, Lurigancho und Santa Barbara niederschlug, hat selbst bei Gutwilligen Zweifel geweckt, ob Garcia noch Herr der Lage ist, ob sich das Militär – in Peru seit langem ein Staat im Staate – wirklich dem demokratischen Willen beugt, wie der Präsident immer wieder beteuerte.

Wie viele Menschenleben der Aufruhr gekostet hat, ist bis heute ungewiß. Rund 280, behaupten die Behörden; ungefähr 400, sagen die Angehörigen der Opfer; es können aber auch 600 sein: Alle Gefängnisse, zumal El Fronton auf einer Insel vor der Hafenstadt Callao, waren hoffnungslos überbelegt, und gerade El Fronton wurde so zerstört, als habe die Armee einen feindlichen Stützpunkt dem Erdboden gleich machen wollen. Was auch ungefähr den Absichten entspricht: In den Gefängnissen herrschten die einsitzenden Mitglieder der Terror-Organisation Senden Luminoso ("Leuchtender Pfad") derart, daß sie Teile wie Festungen ausbauen konnten, in die sich das Wachpersonal nicht mehr hineintraute. Und als am Mittwoch voriger Woche der Aufruhr begann, sicherlich mit Blick auf die SI-Tagung geplant (nach anderen Quellen durch die Ankündigung ausgelöst, die Häftlinge sollten in ein neues Hochsicherheitsgefängnis verlegt werden), sahen Polizei und Armee eine Chance, dem Hauptfeind eine Lektion zu erteilen: Verhandlungen waren nicht gewünscht, es ging um Vernichtung. Selbst Häftlinge, die sich mit erhobenen Händen ergaben, wurden umgebracht und in aller Eile in Massengräbern verscharrt. Die Streitkräfte bewiesen den Senderistas und dem Präsidenten, wer Herr im Hause ist. Ihre politische Überlegung ging auf: Der Präsident mußte das Vorgehen billigen, wollte er nicht seinen SI-Freunden eingestehen, daß er die Kontrolle über seine Streitkräfte verloren hat.

In Wirklichkeit stellt sich die Frage, ob er sie je besessen hat. Denn das Militär, das 1968 geputscht hatte, um eine Entwicklungs-Diktatur des nationalen Sozialismus zu etablieren, stimmte zehn Jahre später der Einberufung einer Verfassunggebenden Versammlung nicht etwa zu, weil es eine demokratische Bekehrung durchgemacht hatte, sondern schlicht aus der Einsicht, daß es Peru wirtschaftlich und finanziell ruiniert hatte. Die Karre aus dem Dreck zu ziehen, überließ es den Zivilisten freilich erst, nachdem die Offiziere sich einen Staat im Staate eingerichtet hatten – ein Großteil der peruanischen Auslandsschulden geht auf aberwitzige Rüstungskäufe zurück. Die erste Wahl 1980 brachte die Konservativen ans Ruder, die sich als unfähig erwiesen, die Talfahrt zu bremsen; ein verelendetes Volk wählte im Vorjahr den sozialdemokratischen Kandidaten Alan Garcia zum Präsidenten, der Armut, Auslandsschulden, ein politisch wohl gebranntes, aber nicht abstinentes Militär – und eine Terrorbewegung erbte, eben den Sendero Luminoso.

Zum ersten Mal hatten sich die Senderistas 1980 mit Anschlägen gemeldet, gezielt zum Auftakt der Wahlen. Die Vorgeschichte reicht freilich bis in die sechziger Jahre zurück, als die linken Parteien in ganz Lateinamerika neue Positionen und Wege suchten. Politisch hatten diese Parteien wenig zu vermelden, auf Intellektuelle übten sie gleichwohl eine große Anziehungskraft aus. Auch in Peru bildete sich die ganze Palette aus, von Maoisten, Stalinisten, Trotzkisten, Revisionisten bis zu Fidelisten. An der kleinen Universität von Ayacucho, einer vergessenen Armutsprovinz südöstlich von Lima, formte der Philosophie-Dozent Abimael Guzman, Jahrgang 1934, eine maoistische Gruppe, die sich – irreführend – selbst "Kommunistische Partei Perus" nannte.

Guzman, mit Kriegsnamen "Kamerad Gonzalo", verschmolz mehrere Strömungen miteinander: Einmal das Konzept des langdauernden Volkskrieges mit den nationalkommunistischen Ideen des KP-Gründers Mariategui, der in den zwanziger Jahren geschrieben hatte: "Der Marxismus-Leninismus öffnet den leuchtenden Pfad zur Revolution." Guzman griff den Gedanken Maos auf, das Land müsse die Städte erobern; in zehnjähriger Vorarbeit legte er – wenigstens theoretisch – den Grundstein dafür, daß sich seine Anhänger wie "Fische im Wasser" bewegen konnten. Seine ihm fanatisch ergebenen Anhänger mußten Ketchua und Aymara lernen, die Sprache der Indios, der ausgebeuteten Andenbewohner, die in erbärmlichen Umständen leben und nichts zu verlieren haben. Aus den Indio-Dörfern rekrutierten sich auch die ersten Mitstreiter des Sendero.

Anders als viele Rebellenbewegungen legt der Sendero wenig Wert auf Selbstdarstellung oder Rechtfertigung für seine Taten. In den wenigen theoretischen Äußerungen, die bekannt geworden sind, verficht er eine Fünf-Stufen-Entwicklung hin zur Revolution. Die erste Phase umfaßt Mobilisierung, Agitation und Propaganda, die zweite Sabotage- und Guerillaaktivitäten, die dritte die Ausweitung der Gewalt in den Guerillakrieg. In der vierten Phase sollen Basen und befreite Gebiete geschaffen werden, die fünfte endlich brächte mit der Belagerung der Städte durch die Bauern den Zusammenbruch des Systems. Ende 1982 sagten gefangene Senderistas aus, man befinde sich – wie die seit 1979 im Untergrund lebende Führung verkünde – im Übergang von der dritten in die vierte Phase.