Von Dörte Schubert

Gesamtschule Bochum-Querenburg, ein typisches Relikt sozialdemokratischer Bildungsbegeisterung. 1000 Schließfächer und verwirrende Gängevielfalt. "Wer keine Lehrstelle gefunden hat, muß hier eben weiter die Zeit absitzen", sagt Rainer, 17 Jahre alt. Mittags legt sich die große Müdigkeit bleiern über die betonierte Lernfabrik. Im Lehrerzimmer regiert "die schweigende Mehrheit der Reformskeptiker", erklärt der Didaktische Leiter der Schule. Kein Bock auf Bildung oder – in gut soziologischem Neu-Deutsch – eine offensichtlich auftretende Skepsis und Aversion gegenüber Utopien und Programmen macht sich breit.

Auch für Klaus Mollenhauer hat es den Anschein, "als wäre die pädagogische Konjunktur an ein (vorläufiges?) Ende gekommen, der Enthusiasmus ist verpufft". Wenn nun aber mit der Erziehung und ihren Theorien keine (pädagogischen) Meriten zu gewinnen sind, muß der Erziehungswissenschaftler sein Sujet erweitern, will er sich nicht endgültig der Sinnkrise ergeben. Klaus Mollenhauer landete dabei (über "Vergessene Zusammenhänge", München 1983) auf "Umwegen" und will nunmehr nur noch vom "allgemeinen Begriff der ‚Bildung‘ sprechen". Die Umwege könnten freilich in Abwegen münden: Der Bildungsprozeß des Kindes, so die Ansicht des Theoretikers, gelinge dort am besten, wo das Verhältnis der Erwachsenen zur eigenen Lebensform "in Ordnung" sei. In Ordnung wiederum ist für ihn der Versuch, "zwischen gesellschaftlicher Anpassung und verantwortbaren Sinnentwürfen" einen "guten Weg" zu finden. Dieser "gute Weg" bleibt allerdings im weiteren auf der Strecke.

Nun zu den Umwegen. Der Autor schlägt Streifzüge durch fremdes Terrain, die Analyse von Kunst-Objekten vor, sie "belebt unsere hermeneutischen Fähigkeiten und damit eine kritische Sicht dessen, was das ‚Bildende‘ an unseren Lebensformen ist oder sein könnte". Kunst wird zum Erkenntnismedium und so reflektiert Klaus Mollenhauer über Zentralperspektiven und Fluchtpunkte, Proportionen und Ikonographie der "Geißelung" von Piero della Francesca. Ergebnis: Die Botschaft dieses Bildes heißt Selbstreflexion.

Schon in den "Vergessenen Zusammenhängen" versuchte Mollenhauer Problemstellungen (die "Bildsamkeit des Menschen") zu bebildern statt zu analysieren. So erfahren wir denn auch in seinem neuesten Buch eine Menge über mögliche Interpretationsmöglichkeiten der Rembrandt-Werke (auch bei dem Bild "Die Anatomie des Dr. Tulp" handelt es sich um ein "Erkenne-Dich-Selbst-Bild") – was aber könnte diese Einsicht für die Praxis der Bildung bedeuten?

Die Ursache aller Erziehungsprobleme sieht Mollenhauer – wie der frühromantische Pädagoge Friedrich Schleiermacher, dem er einen Exkurs

widmet – in den "Verhältnissen der menschlichen Beziehungen", den Interaktionen. Mit denen steht es an neuzeitlichen Bildungsinstituten nicht zum besten, aber wen reizen schon profane Schulprobleme, wenn es gilt, Bilder als "Quellen historischer Erkenntnis" zu interpretieren? Sie seien nicht aufschlußreicher als Texte, Schulordnungen, Kollegienbauten oder empirische Untersuchungen, glaubt der Erziehungswissenschaftler. Sind die Methoden der Pädagogik als wissenschaftliche Disziplin (und ihrem "objektivem" Instrumentarium) mithin beliebig? Immerhin: Mollenhauer glaubt noch an die Bildbarkeit junger Menschen – den "Postmodernen" ist dieser Glaube bereits weitgehend abhanden gekommen.