Die sonntägliche Kirchgängerin, in schwarzem Kleid und smaragdgrüner Bluse, mit einem feschen Sombrero auf dem Kopf, sorgte für Furore in dem bescheidenen Gotteshaus. Die Köpfe drehten sich; der Geistliche, Pfarrer David Nkwe, begrüßte sie als "Mutter der Nation", sprach von ihren Bedrängnissen in letzter Zeit und bat sie aufzustehen, um die guten Wünsche der Gemeinde zu empfangen: Winnie Mandela in der anglikanischen St. Pauls-Kirche in Soweto-Meadowlands, zehn Tage nach Verlängerung des Ausnahmezustands über Südafrika.

Wir bewegen uns hart am Rande des hier geltenden. Gesetzes, wenn wir berichten, daß Frau Mandela, als sie auf Bitte des Pfarrers sich erhob, ihre Faust zum Gruß der schwarzen Nationalisten reckte und daß darauf mehrere Stimmen mit dem Ruf "Amandla!" ("Macht!") ertönten – die Kampfparole der Aktivisten. Wäre das so weitergegangen, hätte die Zeremonie nach den Notstandsbestimmungen nicht mehr als kirchlicher Gottesdienst "guten Glaubens" gegolten, mit der Folge, daß jeder Teilnehmer sofort hätte festgenommen werden können. Dies geschah in den Tagen zuvor in mehreren Kirchengemeinden.

Eine Woche zuvor hatte die südafrikanische Regierung den Medien den Zutritt zu allen schwarzen Townships verwehrt und schärfer als je in der Geschichte des Landes gegen die Opposition durchgegriffen. Jetzt ermöglichte mir eine kleine Änderung der Bestimmungen, Frau Mandela in die Kirche zu begleiten.

Nelson Mandelas Frau war in der Woche zuvor besonderen Behinderungen unterworfen gewesen. Am Montag war ihr kleines Haus in Soweto abgeriegelt worden; ein begrenzter Hausarrestbefehl war ihr zugestellt worden, der ihr für den Rest der Woche jeden Kontakt mit Journalisten verbot. Nun aber war Sonntag, und diese Bestimmung galt nicht mehr.

Von einem Rechtsanwalt hatte ich erfahren, daß ich zusammen mit Frau Mandela in die Kirche gehen dürfte, sofern ich nur nicht mit ihr über Unruhen oder das Vorgehen der Polizei sprechen würde, solange wir in Soweto wären. Falls ich über diese Dinge mit ihr sprechen wollte, müßten wir die Township verlassen oder nach dem Kirchgang miteinander telephonieren. Das schwarze Wohngebiet dürfte ich den geltenden Bestimmungen zufolge – als weißer Südafrikaner – am Sonntag wieder betreten. Die Bestimmungen verboten mir immer noch, das zum Zwecke der Berichterstattung über die Unruhen oder über Handlungen der Sicherheitskräfte zu tun. Über andere Vorgänge dürfte ich berichten. Da Sonntag war, lag ein Gottesdienstbesuch nahe, um wenigstens einen kurzen Blick über Südafrikas Eisernen Vorhang zu werfen.

Die Kirche ist ein cremefarben und schreiend rosa angestrichener Rundbau. An der Wand klebt ein Papier mit einem handgeschriebenen "Gebet für den Frieden": "Führe mich vom Krieg zum Frieden, vom Haß zur Liebe." Eine Orgel oder sonst ein Instrument sind überflüssig. Die Stimmen der Afrikaner sorgen für ihre eigene Begleitung, die Sänger schlagen manchmal den Rhythmus mit Handflächen und Gesangbüchern. Eine kulturelle Synthese: Der pochende afrikanische Rhythmus vermischt sich mit den einfachen Melodien der englischen High Church.

St. Paul ist mehr als eine Kirche: An das Gotteshaus grenzen sechs Gebäude, das Ipelegeng Gemeindezentrum. Das Wort aus der Sprache der Tswara heißt "Vertraue auf dich selbst". Hier trafen sich die Mitglieder vieler Oppositionsgruppen bis zur Verhängung des Ausnahmezustands.