Von Hermann Glaser

Die Natur gehe – so Friedrich Hölderlin im "Grund zum Empedokles" – in ihren Wirkungen auf den reflektierenden Menschen "in das Extrem des Aorgischen, des Unbegreiflichen über"; sie erweist sich als ein unfaßlich Fremdes für den Menschen, weil allem Menschlichen gegenüber völlig Gleichgültiges. Was Hölderlin in eigenwilliger mythologischer Sprache formuliert, vermag jeden Menschen, der den "Wirklichkeitsmächten" gegenüber offen ist, in seiner Identität tief zu erschüttern: Über alles wächst Gras ... Das Leid des Menschen und seine Vergänglichkeit – die Natur kümmert sich nicht um solches "Geworfensein". Der Natur gilt Transzendenz wie Immanenz gleich viel – nämlich nichts. "In der Mitte liegt der Kampf und der Tod des einzelnen." Ein solcher Hölderlin-Satz könnte einem Buch vorangestellt sein, das, als Bericht aus dem Zweiten Weltkriege, die Furchtbarkeit des Aorgischen in ungewöhnlich eindrucksvoller Weise nachvollziehen läßt:

Paul Hübner: Lappland Tagebuch 1941; Ried Verlag, Rändern 1985; 193 S., 18,– DM.

Kein größerer Verlag hat das Manuskript "entdeckt"; jahrzehntelang kamen Absagen. Ein Landser in einem motorisierten MG-Bataillon, das 1941 nach Nordnorwegen und dann in die arktische Tundra an die finnisch-russische Eismeerküste verschlagen wird, berichtet über die alltägliche Kriegswirklichkeit. Zunächst stille winterliche Tage. Die Truppe bewegt sich durch das besetzte Gebiet – ohne besondere Vorkommnisse. "Die fernsten Bergkämme leuchteten wie die nächsten im selben makellosen Weiß. Es war, als sei die Luft, die sonst das Land in farbige Räume stufte, weggeronnen wie eine Flüssigkeit." Psychotopographisch macht die Reinheit der Winterlandschaft die menschliche Verworfenheit nur um so deutlicher: etwa "vergossenes Menschenblut", das im Schnee versickert. Signatur des Unfaßbaren. Ein deutscher Unteroffizier, ansonsten ein "stiller, zuverlässiger Mensch", schießt zwei am Wegrand stehende Norweger nieder, da sie ihm verdächtig erscheinen. ..

Hübners Tagebuchblätter kreisen, oft mit geradezu manischer Besessenheit (nicht als Reflexion, sondern Deskription), um die Frage, ob die "absolute Schönheit" der Natur die Verderbtheit des Menschen "aufzulösen", sie ihn von seiner "Unreinheit" zu erlösen vermag. Kollektiver Todes- und Vernichtungstrieb, Mordrausch auf der einen Seite; Unberührtheit (im doppelten Wortsinne) auf der anderen. "Durch ein Felsenparadies: Kleine Seen, glasklar, den goldgelben Wolkenstoß und den grünblauen Himmel spiegelnd, in Schatten tintenschwarz, Steinleiber weinrot, taubenblaue Wände, Granittürme wie von Amethyst. Am Wannengrund Rast. Vor uns mit Höckern und Buckeln und Findlingen breit ausladend der Russenberg. Auf seiner ganzen Breitseite Beschuß aller Kaliber."

Das Bewußtsein des Tagebuchschreibers funktioniert wie eine Kamera: Es fixiert "Oberfläche"; Gefühlsäußerungen sind selten. "Wo Günter hingekommen war, wußte er nicht. Später, als das Schießen aufgehört hatte, fanden wir ihn unten im Gestrüpp hängen – unkenntlich zerfetzt." Vorbei ist es mit der Winterstille; der Kampf ist voll entbrannt. Es geht um den Besitz eines Höhenzuges. Lebens-sinn: sich gegenseitig umzubringen. Leichenberge, verwesend, vermodernd. Der bei Hübner immer wieder anzutreffende Ernst-Jünger-Ton, versetzt mit Stifterscher Naturbeschreibungsakribie könnte peinlich wirken, wüßte und spürte man nicht die Authentizität des Augenblicks, aus dem heraus Stilisierung zum Schutz vor tödlichster Wirklichkeit wird. "Ein Schrei schwebt in mir wie ein Vogel, wenn ich ihn auslasse, stürzen die Felsen der Tundra zusammen." Der Tagebuchschreiber weiß natürlich, daß die Metaphern letztlich auch nichts mehr helfen; die furchtbaren Schreie von zwei angeschossenen russischen Soldaten zum Beispiel, die ein Fangschuß "erlöst", rühren die Tundra nicht. Viel mehr versteht freilich sind die Herzen der Menschen.

Surreale Wirklichkeit des Krieges: Sehnsucht, ins Blau des Himmels sich hinwegzuträumen – während man im Dreckloch vegetieren und darin wahrscheinlich verenden wird. Erinnerung an die Tage des Friedens – während ein Brief von zu Hause als Zeichen einer verlorenen Welt den Schmerz der Einsamkeit nur schlimmer macht.