Von Maria Huber

Als in diesem April amerikanische Bomben auf Libyen fielen, brachten sie Zivilisten den Tod und den "ewigen Pessimisten" einen weiteren Beleg dafür, daß sich Geschichte eben doch wiederholt. Eine ähnliche Strafexpedition führten die Amerikaner schon zwischen 1801 und 1805 gegen die Berber-Piraten der Gegend um Tripolis. Damals wie heute diente das "kriegerische Schauspiel" vornehmlich der Demonstration amerikanischer Weltmachtansprüche, auch gegenüber Europa. Dessen Politiker beklagen jetzt, die politische Vernunft sei auf dem Rückzug.

Um welche "politische Vernunft" sorgen sich die Staatsmänner, wenn ihr Mit- oder Gegenspieler zu weit geht? Was galt und gilt machtpolitisch als "vernünftig"? Wer stellt solche Fragen überhaupt noch? An den heutigen Universitäten lehren Spezialisten. Das Denken "unter einer universalen Vernunftperspektive", das uns, philosophisch gewendet, wieder zum Subjekt der Geschichte machen könnte, gilt an den Hochschulen nicht als fach- und berufsgerecht.

Unter dem Diktat der "Sachzwänge" gehört die Lebenswelt nicht uns: Atomenergie und Atomwaffen erhöhen nicht die Befriedigung unserer Bedürfnisse, sondern unsere Bedrohung. Für die herrschenden Technokraten in Ost und West dagegen stellt ihre Handhabung eine Politik des "kalkulierten Risikos" dar, die politische Vernunft schlechthin. Die SDI-Hochrüstung zum Beispiel sollte ursprünglich ein Raketenabwehrsystem schaffen, das die Menschheit angeblich von der atomaren Geißel befreien würde. Weil dieser Raketenschirm aber niemals hundertprozentig funktionieren kann und weil er die andere Seite obendrein zu Gegenmaßnahmen treibt, muß gleichzeitig eine weitere Generation neuer Angriffswaffen entwickelt werden. Die behauptete Vernunft staatlicher Politik erweist sich als "die Verkehrung von Vernunft".

Die Kritik der Politik "unter einer, universalen Vernunftperspektive", wie sie der Berliner Historiker und Politologe Ekkehart Krippendorff für die öffentliche Debatte vorschlägt, ist also geradezu überlebenswichtig. Seine Studie,

Ekkehart Krippendorff: Staat und Krieg. Die historische Logik politischer Unvernunft; edition suhrkamp 1305, Frankfurt am Main 1985; 437 S., 20,- DM,

untersucht sowohl den scheinbaren wie auch den tatsächlichen Charakter der "Vernunft staatlicher Politik". Dabei kommt besonders seiner kurzen, aber pointierten Auseinandersetzung mit Max Weber eine zentrale Bedeutung zu. Denn Webers Grundbegriffe und Axiome von der "Vernünftigkeit des Macht-Staates als Selbstzweck" sind fester Bestandteil unseres politisch-gesellschaftlichen Denkens. Nur schließt diese "Vernünftigkeit" eben auch "die Möglichkeit und Unvermeidlichkeit des Machtkrieges" (Weber) ein. Krippendorff stellt fest: "Weber hat auf die Pazifisten und Kriegswarner seiner Zeit – vor allen die Sozialisten – mit herablassender Verachtung geblickt und fand es notwendig, den Realitäten realpolitisch ins Auge zu sehen, auch und gerade der Realpolitik als kriegerischer Machtpolitik."