Es ist nicht der "böse Blick". Und auch nicht jener mit Blut verstopfte Schlauch, der alten afrikanischen Medizinmännern zufolge Augen und Herz verbindet. Was Männern, Frauen und Kindern in der Dritten Welt das Augenlicht raubt, hat eine weniger geheimnisvolle Ursache: Unterentwicklung.

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) schätzt die Zahl der blinden Menschen auf 28 Millionen; vier Fünfter davon leben in Entwicklungsländern. In den Industrienationen erleiden von jeweils zehntausend Einwohnern zwischen fünf und zwanzig Menschen den Verlust ihres Augenlichtes – ein grausames Schicksal, das in den Armenhäusern der Erde allerdings zehnmal häufiger zuschlägt: In Kenia zum Beispiel sind zwei Prozent der Bevölkerung erblindet, in manchen Regionen Afrikas und Asiens sogar ein Drittel der Einwohner.

Der weltweit häufigste Erblindungsgrund, auch in den Entwicklungsländern, ist der graue Star (Katarakt), eine Trübung der Augenlinse. In der Dritten Welt fehlen allerdings Operateure und Operationsmöglichkeiten. Die trübe Linse wird überhaupt nicht oder zu spät entfernt. Und selbst wenn Behandlungen möglich sind, suchen viele Blinde trotzdem keine Hilfe. Denn noch immer gilt: "Alte Leute waren schon immer blind."

In Entwicklungsländern trüben sich die Linsen der Katarakt-Opfer im Durchschnitt schon im Alter von fünfzig Jahren, zehn bis zwanzig Jahre früher als hierzulande. Eine Ursache für das häufigere Auftreten des grauen Stars ist die größere Menge Ultraviolett(UV)-Licht, die in die Augen der Bewohner tropischer Regionen fällt. Daneben begünstigen wahrscheinlich eine gesteigerte Wasserabgabe (Dehydrierung), ausgelöst durch Durchfall und Hitzschlag, und eine schlechte Ernährung die Linsentrübung. Genaue Untersuchungen zu den Risikofaktoren fehlen.

In Kenia, einem medizinisch vergleichsweise gut versorgten Land, müßten 70 000 Patienten mit grauem Star operiert werden. Aber pro Jahr schaffen die einheimischen Ärzte und ausländischen Experten nur 3000 Operationen. Insgesamt benötigen rund drei Millionen Afrikaner eine Kataraktoperation. Doch ihnen stehen nur 300 Augenärzte zur Verfügung. In Bangladesh, dem ärmsten Land der Welt, gibt es nur 80 Augenspezialisten für die 90 Millionen Einwohner.

Der Münchner Augenarzt Volker Klauß hat sechs Jahre lang in Kenia unterrichtet und operiert; er forschte dort nach den Ursachen und der Häufigkeit von Blindheit. Seiner Erfahrung nach kann Hilfe für die Dritte Welt auf diesem Gebiet nur heißen: Ausbildung von einheimischen Augenärzten, und zwar in der Heimat, mit den Geräten, die im Land selbst zur Verfügung stehen, in kleinen überschaubaren Programmen.

Privatdozent Klauß, der an der Münchner Augenklinik eine Abteilung für Präventiv- und Tropenophthalmologie (Augenheilkunde) aufbaut, ist Mitglied des deutschen "Komitees zur Verhütung von Blindheit". Das 1978 gegründete Komitee koordiniert die Aktivitäten von Einzelpersonen und Organisationen (darunter Misereor, Christoffel-Blindenmission, Adheri-Hilfe), die in der Dritten Welt Blindheit verhüten helfen wollen. Das Komitee vermittelt Augenärzte in Notstandsgebiete und fördert den nationalen und internationalen Informationsaustausch. Es sammelt Brillen und Gelder für mobile eye camps, beweglichen Hospitälern, die in Asien zu den Patienten aufs dichtbesiedelte Land kommen. Im Frühjahr 1987 wird das Komitee zum Beispiel einen Augenarzt in die Zentralafrikanische Republik entsenden, der Augenschwestern und -assistenten ausbilden soll.