Auf den internationalen Flughäfen gibt es gewöhnlich, wenn man die Paßkontrolle hinter sich hat, eine Einkaufszone, in der es von glitzernden Läden wimmelt. Nur einer davon ist "duty free", man kann dort Whisky und Zigaretten (aber auch inländische Produkte) zollfrei kaufen. Alle anderen Läden sind nicht zollfrei, im Gegenteil, sie sind sogar teurer als die entsprechenden Läden in der Stadt, aber die arglosen Reisenden machen es sich nicht bewußt und kaufen, vom Schmugglerkomplex erfaßt, was das Zeug hält.

Die Ware ist teuer, signiert und unnütz. Man findet da etwa eine Schweizer Uhr für knapp vierundzwanzigtausend Mark, die einem die Mondphasen anzeigt und das gerade laufende Jahr, mit einer Reichweite über fünfhundert Jahre. Ich kann mir zwar notfalls noch einen Benutzer vorstellen, der dringend wissen will, wann der nächste Vollmond kommt (zum Beispiel das Monster vom Lunapark), aber die Vorstellung eines Benutzers, der sich eben mal rasch vergewissern will, daß wir 1986 haben, fällt mir schon wesentlich schwerer (obwohl sich auch das als nützlich erweisen könnte, etwa im Falle der Kontraktion eines chronosynklastischen Trichters auf einer Reise zwischen Aldebaran und Alpha Zentauri).

Noch schwerer fällt mir die Vorstellung eines Benutzers, der durch einen Blick auf die Armbanduhr wissen will, welches Jahr wir in zweihundertfünfundzwanzig Jahren haben werden, aber sei’s drum. Selten findet man in den Flughafenläden Uhren, die einem die "dual time" anzeigen, also das, was Flugreisenden gewöhnlich nützt, nämlich etwa in Paris zu wissen, wie spät es in New York gerade ist und umgekehrt. Diese japanischen Plastik-Uhren sind einfach zu billig.

Die Flughafenläden zielen auf einen Reisenden, der bedeutender zu erscheinen versucht, als er ist, um keine schlechte Figur zu machen neben Leuten wie Agnelli und Rockefeller, die, wie er meint, in diesem Ambiente aus- und eingehen, um sich Zigarettenstangen zu kaufen. Er weiß nicht, daß Agnelli und Rockefeller in Privatjets reisen und diese Pseudo-duty-free-Shops nicht frequentieren.

Die Technik zur Befriedigung der Aspirationen des Flugreisenden ist die gleiche, die kürzlich in der Werbung für ein recht teures, aber nicht unerschwingliches Automobil benutzt worden ist. Der Slogan hieß ungefähr: Wenn Sie zu den Leuten gehören, die erster Klasse fliegen, warum sollten Sie sich dann nicht auch einen erstklassigen Wagen leisten können? Auf den ersten Blick meint man, diese Werbung interessiere nur Reisende erster Klasse, also kaum mehr als ein Dutzend pro Flug. Aber dann überlegt man, daß vier Transatlantikflüge erster Klasse ungefähr soviel kosten wie dieses Auto, und die vier Flüge wären nach zwei bis drei Monaten absolviert, während das Auto einige Jahre hält.

Also könnte man sich doch eigentlich gut, überlegt man weiter, für dasselbe Geld dieses Auto kaufen: Alle würden glauben, man sei ein Reisender erster Klasse, besonders die Nachbarn, und beim Fliegen könnte man sich mit Touristenklasse begnügen, oder sogar mit Charter, es würde ja eh keiner merken außer dem Inder auf dem Nebensitz, der gerade aus Bombay nach Lüneburg emigriert in der Hoffnung, dort Arbeit zu finden.

Nach der gleichen Logik verkauft man uns auf den Flughäfen Sonnenbrillen, Kugelschreiber, Krawatten, Feuerzeuge und Uhren mit dem Signet "Ferrari Formel Eins" oder "Porsche Design". So aufgetakelt, werden wir im Pavesi-Motel mit Verbeugungen empfangen – vorausgesetzt, wir haben unseren Fiat außer Sichtweite geparkt. Natürlich könnten wir auch, um Ferrarifahrer zu täuschen, die uns auf der Autobahn überholen wollen, im Rückfenster unseres Kombi ein Klebeschildchen mit dem Namen Ferrari anbringen, aber das habe ich auf den Flughäfen nicht gefunden, man versuche es mal im Papierladen an der Ecke.