Mühseliger Start einer Literatur-Tagung in Hamburg

Von Rolf Michaelis

Am 5. Oktober 1921 nahm ein von der heute vergessenen englischen Romanschreiberin Catherine Amy Dawson-Scott ins Leben gerufener Autoren-Club PEN (Poets, Essayists, Novelists) in London sein erstes Literatur-Abendessen zu sich. Als am Sonntagabend, 22. Juni 1986, die 420 Schriftsteller von 62 PEN-Zentren aus siebzig Ländern nach dem Eröffnungskonzert zum 49. Internationalen PEN-Kongreß dem im Foyer der Hamburger Musikhalle aufgebauten Büfet zustrebten, konnte der Verein, der sein PEN inzwischen erweitert hat auf "Playwrights, Editors, Non-Fiction-Writers" (Stückeschreiber, Publizisten, Sachbuch-Autoren), den 65. Geburtstag feiern. Ein Jubelfest? Der PEN ist ins Rentenalter gekommen.

Da ist der Präsident des PEN-Zentrums Bundesrepublik Deutschland, Martin Gregor-Dellin, ganz anderer Ansicht. Der durch Akklamation beim "Eröffnungsplenum" im Congress Centrum Hamburg (CCH) zum Tagungspräsidenten gewählte Autor sagte in der Begrüßungsansprache: "Es gibt in der Geschichte der Literaten keine Vereinigung von annähernder Größe und Verbreitung, die auch nur ein vergleichbares Lebensalter erreicht hätte... Die gefährliche Phase des schnellen Verwelkens, des Sterbens an sich selber, hat der PEN glücklich überstanden, weil er sich immer größere Ziele setzte."

Da waren kritische Frager auf der Pressekonferenz ganz anderer Ansicht. Wo bleiben sie denn, die Mailer und Bellow, García Márquez oder Kundera? Wo sind die "großen" Autoren des springlebendigen Vereins? Komisch: ob Weltliteratur-Kongreß oder Fußballweltmeisterschaft, es zählen nur die paar Namen, die durch die Gebetsmühlen der Literatur-Sport-Berichterstattung gedreht werden. Ungerecht, wie die Unterstellung in der Welt (18. Juni), im PEN tummelten sich mittlerweile die "Auch"-Autoren. Sind mit Nathalie Sarraute und Margaret Atwood, mit Alan Paton, Alberto Moravia, Susan Sontag, Christa Wolf, Stephan Hermlin, Stefan Heym, Günter Grass und Siegfried Lenz, um nur einige bekanntere Namen zu nennen, nicht Autoren der Weltliteratur an die Alster gekommen?

Und doch: wieviel Kleinmut und an die Formulierungskünste eines Taubenzüchtervereins erinnerndes Ungeschick verrät die Beteuerung im Programm: "Schon heute steht fest, daß es in jeder der vier literarischen Sitzungen ungewöhnliche Informationen und aufregende Denkanstöße geben wird. Vorbereitete Statements liefern jeweils die Initialzündung für anschließende Diskussionen."

Betreten blickten sich Autoren an, als sie zum erstenmal bei diesem Kongreß deutsche Dichtung zu Gehör bekamen. Das von Hans Zender mit Schwung und Präzision dirigierte Benefizkonzert zugunsten inhaftierter Schriftsteller mit dem begeisternd aufspielenden "Ensemble Modern (Junge Deutsche Philharmonie)" in der Musikhalle endete mit Bernd Alois Zimmermanns witziger "Musique pour le souper du Roi Ubu", einer Musik-Collage zum Freßgelage des Königs Ubu, der Titelfigur von Alfred Jarrys herrlich wüster Farce. Zwischen den einzelnen Sätzen dieser Suite wünscht der Komponist freche Couplets. Der Schriftsteller