"CL-4: Alte und neue Wege".

Der Anfang umgibt einen sogleich mit schönen Klängen: hohe Klarinette, Baßklarinette; bald erzählt die hohe allein, singt versonnen eine Melodie, wird nach einer Weile von den anderen sanft umarmt, dann zur Rede gestellt – so geht’s noch lange weiter. Ganz gleich, mit welchen Bildern man dem langen Stück "Standort" beizukommen sucht, man trifft es ja damit nicht wirklich. Es fragt sich aber auch, ob man dieser Musik mit Bemerkungen näherkommt, die der sehr ambitionierte Jazzklarinettist Theo Jörgensmann in einem Brief macht: Erst der Jazz habe "eine wirklich neue Darstellung der Zeit... in die Musik" gebracht, im Jazz erhalte Zeit eine andere Bedeutung – doch "den Schritt zu einer ganzheitlichen Musik" habe auch er noch nicht vollzogen, und das liege nicht wenig an der starren Form vor allem der älteren Jazzstile. Der Free Jazz habe sich davon zu befreien versucht und "die Welt der Klänge und des Raums" erschlossen, wenngleich "in ihm die Zeit immer nur in Form von bewegtem Raum auftritt". Wohingegen nun das Klarinettisten-Quartett "CL-4" versuche, was Jörgensmann eine ganzheitliche Musik nennt. Ich gestehe, daß ich es schwer habe, seiner Musikphilosophie, die sogar Einstein bemüht, zu folgen, zum Beispiel der Bemerkung, daß an die Stelle konkreten musikalischen Materials die Fähigkeit des Musikers trete, "die Zeit durch Improvisation als schöpferische Intensität zu verwirklichen" – uff! Jörgensmann und seine drei, manchmal vier Mitspieler versuchen sich in einer Jazz, Folklore und "Konzertmusik" vereinigenden Ausdrucksweise eine "europäische Improvisationsmusik". Sie ist weder dies noch das: eine relativ kulinarische Mischung, der man den Ehrgeiz anmerkt, nicht nur nebenbei, sondern bewußt gehört zu werden. Sie erinnert oft weniger an Jazz als an die tonalen Frühformen der zeitgenössischen E-Musik. (Konnex ST 5007; Konnex, Prinzenallee 47 b, 1000 Berlin 65.) Manfred Sack

Wolfgang Amadeus Mozart: Klavierkonzerte

Alfred Brendels einschärfende "Ermahnungen eines Mozartspielers" über die Beschäftigung mit jener Spezies nimmt Christian Zacharias, der scheinbar sensibelste unter den jüngeren deutschen Pianisten, offenkundig beim Wort. Mozarts Notation, so läßt er sich belehren, ist unvollständig und bedarf der Ergänzung. Und wer gleich die Probe aufs Exempel machen möchte, welche Folgerungen er daraus zieht, dem genügten eingentlich nur zwei Sätze: das Finale des Es-dur Konzertes KV 482 sowie der Mittelteil (Andante) des A-dur Konzertes KV 488. Viele der darin neugefaßten Passagen (Kadenzen, Eingänge und Auszierungen), mit denen Zacharias, zugestandenermaßen mit Phantasie und Geschmack, tief in die Werkstruktur des Autographs eingreift, heben sich von der sattsam bekannten Dut zendware des internationalen Repertoires entschieden ab. Der Mut des jungen Mannes ist zu bewundern, sein spielerisches Vermögen immens. Wer indes seine parallel eingespielten Sonaten-Anthologie zum Vergleich heranzieht, entdeckt unmittelbar, daß das Mozart-Bild des Pianisten dort noch schärfer konturiert ist als im Dialog mit der Dresdener Staatskapelle (Dirigent ist der Amerikaner David Zinman). Nur gelegentlich revoltiert Zacharias, der 1950 in Indien zur Welt kam, ab 1952 in der Bundesrepublik aufwuchs und (zwischen 1960 und 1973) in Karlruhe und Paris von einem russischen und polnischen Lehrer ausgebildet wurde, gegen die ihn nicht durchweg stimulierende orchestrale Bequemlichkeit. Mit deutlicher Kontrastierung der linken Hand reißt er dann rhythmisch und kontrapunktisch die Initiative an sich. Um Mozarts Phrasierungsangaben schert er sich hingegen wenig. Ansonsten eine den Geist Clara Haskils beschwörende Mozart-Interpretation, die gegen Klischees und Routinearbeiten aufbegehrt. (EMI 27 0367 1) Peter Fuhrmann